Klein, robust, ein fester Körper, beherrscht von den Fingerspitzen bis in die Zehen, fast taillenlange, unfrisierte schwarze Mähne, dunkle Samtaugen von beinahe finsterer Intensität – das ist La Singla, der zwanzigjährige Star einer spanischen Truppe, die jetzt zum drittenmal durch Europa zieht und (bis zum 27. Mai) fünfunddreißigmal ihr "Festival Flamenco Gitano ’68" vollführt, ein Folklore-Feuerwerk, das die Leute scharenweise in die für dergleichen Kunst meist viel zu großen, viel zu feierlichen Säle zieht.

Indes gibt es die glücklichen Zufälle, daß auch Landsleute herbeiströmen, Spanier, die die Riten kennen und die verstehen, was da gesungen oder gerufen wird. Als das erste olé von den Emporen herunterdrang und der verzückte Ruf quiero (was soviel heißt wie: prima, so hab’ ich’s gern!), und als später Kaskaden von Anfeuerungen die Tänzerin einer "Alegria" trafen, da schien die Hamburger Musikhalle mitsamt ihrem gewaltig auf die Bühne drückenden Orgelprospekt gelüftet: weg die distanzierende Atmosphäre eines zur Artigkeit zwingenden Raumes. Der Beifall dröhnte, sogar aus dem Parkett, obwohl denen, die da saßen, eine Musikerschutzrampe den Blick ausgerechnet auf das verwehrte, was bei den erregenden Hacke-Spitze-Künsten mit das wichtigste ist: auf die Füße.

Zum Bemerkenswerten dieser fünfzehnköpfigen Truppe von (meist) Zigeunern gehört, daß sie nicht stilisierten Ballettflamenco zeigt, sondern Volkskunst, die den Eingebungen des Augenblicks gehorcht und bei der es, wie Olaf Hudtwalcker, der mitreisende Initiator der Tournee, sagte, "weniger um Schönheit und Form als um das ‚Mark der Formen‘ geht", um den Dämon, den die Tänzer und Sänger laut Federico Garcia Lorca "in den letzten, hintersten Behausungen des Blutes aufrütteln" müssen.

Lorca (mit Manuel de Falla 1922 Veranstalter eines Flamenco-Festivals) beschrieb das so: "Der wahre Kampf ist der Kampf mit dem Dämon. Die großen Zigeuner- und Flamencokünstler Südspaniens, mögen sie nun singen, tanzen, Musik machen, wissen, daß keine Erregung möglich ist, ohne daß der Dämon kommt. Sie täuschen die Leute und können den Dämon vorspiegeln, ohne von ihm besessen zu sein."

Selbst als Fremder erliegt man der Faszination dieses eher rituellen als amüsierenden Spiels. Das liegt sicherlich an der Improvisation, die sich um feststehende Melodieformeln rankt, an der Lust, den literarischen, meist sehr poetischen Inhalt zu dramatisieren, am oft komplizierten Rhythmus, der mit Händeklatschen, Fingerschnipsen und dem entfernt stepptanzähnlichen Fußgeklapper erzeugt wird, schließlich auch am expressiven Kehllaut- und Falsettgesang. Jedes Flamencostück ist ein Drama, das mit Inbrunst, freilich auch mit einer ungeheuer beherrschten Haltung und so ernst gespielt wird, daß ein lustiges Stück mehr einer Beschwörung der Lustigkeit gleicht.

Selbst Eros zieht sich hinter die Stilisierung zurück – man hört es nur ferne knistern, wenn die Damen ihre Pfauenräder aus dichten Rüschenbändern mit dem Knie aufschlagen.

Die Zigeunerin La Singla ist nicht die einzige, die sich im cuadro, im Halbrund der Stühle, zeigt. La Tati, die heitere, muß man erwähnen und El Guito, der Cocteau zu dem Satz animierte, Flamenco sei die Kunst, "Feuer aus dem Munde zu speien und es mit den Füßen auszulöschen".