Von Alexander Mitscherlich

Die Studenten machen keine Revolution, aber sie machen Schlagzeilen. Werden sie der mörderischen Publizitätsmaschine gewachsen sein? Nach den Provos von Amsterdam und den Rebellen von San Franzisko sind jetzt die "Rädelsführer" des SDS an der Reihe. Filmeffekte machen glauben, eine Welle der Revolution brande durch unser Land, das in Wahrheit kaum in seinem unpolitischen Schlaf blinzelt.

Nach vier Wochen wird die Mode abgebraucht sein. Der vorzeitige Ruhm verschleißt so schnell, wie er gekommen ist. Man müßte blind sein, um nicht zu sehen, wie sich in dieser plötzlichen Überschwemmung mit Details aus dem Aufruhr die Abwehrkraft unseres Herrschaftssystems wieder einmal hervorragend bewährt. Denn es ist doch sehr fraglich, ob unsere Öffentlichkeit den Tricks journalistischer Werbetechniker zum Trotz die Studenten verständnisvoll an die Brust nehmen wird.

Was die progressiven Studenten versuchen ist doch dies: eine kompliziert gewordene Welt in ihrer tatsächlichen Struktur zu begreifen. Daher der Fach-Jargon, die Terminologie, die so vielen Menschen fremd bleiben muß. Sie wird aber von den Studenten selbst oft zur Beruhigung benützt, wenn sich Wirklichkeit, die sie beschreiben wollen, ihrer Aussagekraft entzieht. Wer darüber spottet, hat selbst noch nie über Dinge nachgedacht, die ihm nicht vorgekaut waren. Bis er zum Rohmaterial der Massenmedien wurde, gab sich der Vortrupp der Studenten dem Durchdenken neuer sozialer Wirklichkeit, dem Aufspüren fauler Gewohnheitslösungen und Tabus hin; eine Beschäftigung, die den Menschen zunächst immer von anderen isoliert. Am Vorsprung der Erkenntnis darf er sich aber auch nicht ungestört freuen, denn er trägt Zündstoff in ein denkerisch abgerüstetes Milieu.

Warum also gelang es der intellektuell unerschrockensten Studentengruppe, ihre Kommilitonen zu Tausenden zu mobilisieren? Sie wirkte vorbildlich im redlichen Bemühen, die Abdeckungsmanöver unserer Gesellschaft zu durchschauen. Um so verräterischer sind die übernervösen und übertreibenden Reaktionen der Politiker vom Amt. Der sture Schrei nach dem Schlagstock und seine übereilte Benützung zeigen, wie denkträge und rückständig wir geworden sind. Während wir nichts als Wirtschaftswunder im Kopfe hatten, sind neue Formen des Weltverstehens, neue Ansätze eines politischen und sozialen Selbstverständnisses in der Welt entwickelt worden, von denen die große Zahl unserer Mitbürger keine Ahnung hat.

Zweierlei liefert den Zündstoff: Erstens die einseitige Information, der sich vor allem das Haus Springer bedient. Der dokumentarische Beweis ist einfach zu erbringen, daß hier nicht Information sondern Manipulation die Absichten leitet. Zweitens die Tatsache, daß vornehmlich nicht nur die Springer-Presse eine Boulevard-Presse ist, die sich als Anregungsdroge für unpolitische Aspekte – crime and sex – versteht, sondern die im deutschen Sinn "Weltanschauung" verkauft. Gegen diese Weltanschauung ist der durchschnittliche Leser, der doch wenig Möglichkeiten zur objektiven Information hat – von Sternstunden des Fernsehens und des Rundfunks abgesehen –, hilflos.

Das werbetechnisch Hervorragende am Springer-Konzern ist die Verbindung politischer Inhalte mit Affekten, die genauestens auf vorgegebene Ziele eingestellt werden. Die Springer-Presse bringt die Leser, die morgens für 20 Pfennig ihre "Bild"-Zeitung kaufen, nicht dazu, darüber nachzudenken, was sich ereignet, warum ein Streik entstanden ist, welche Begründung die Studenten für ihre Forderungen vorbringen. Sie ist also nicht hilfreich beim genauen Hinschauen, sondern sie heizt ihre Konsumenten morgens an, wenn sie ihnen Studenten als ungewaschene, langbärtige Tagediebe vorstellt, während sie – die guten "Bild"-Leser – doch pflichtbewußt auf dem Weg zur Arbeit sind. Diese Verunglimpfung ist unentschuldbar. Die Plattform, sie beliebig zu wiederholen, muß verbaut werden,