Nach der Polizei: jetzt die Politik

Von Theo Sommer

Die Ruhe der letzten Tage mag täuschen. Neue Kraftproben zwischen den radikalen Studenten und der Obrigkeit stehen bevor: bei der Jahrhundertfeier der Eßlinger Zeitung am kommenden Sonntag, beim Tag der Arbeit nächste Woche, dann beim Notstands-Sternmarsch auf Bonn am 11. Mai. Wohl haben die beiden Toten von München allenthalben einen Schock der Besinnung ausgelöst. Aber niemand vermag zu sagen, wie lange er vorhalten wird. Die fundamentale Frage ist bisher ohne bündige Antwort geblieben: welches Maß an Gewalt den Herausforderern und den Verteidigern der bestehenden Ordnung zugebilligt werden darf. An dieser Frage scheiden sich die Geister.

Die Studenten haben seit den Todesmeldungen aus München tagelang und nächtelang darüber debattiert. Das Ergebnis ist unbezweifelbar: Die große Mehrheit lehnt die rabiaten Theoreme des SDS ab. Sie verwirft auch die sophistische Unterscheidung zwischen der "Gewalt gegen Sachen" und der "Gewalt gegen Menschen". Zu Recht, denn erstens steht deren Glaubwürdigkeit dahin, solange SDS-Sprecher vor "Rührseligkeit" warnen und verkünden, der SDS handele nicht nach Gandhi, sondern nach Marx, Engels, Lenin und Mao Tse-tung – "wir befürworten eindeutig die revolutionäre Gewalt"; und zweitens ist diese philosophische Unterscheidung viel zu unhandlich, als daß sie ohne unheilvolle Folgen auf der Straße angewendet werden könnte. Allzu leicht wird aus einem Steinwurf Totschlag.

Nur eine Minderheit?

Hier hat denn studentische Selbstprüfung die ultralinken Ideologen in die Isolierung gezwungen. "Wie lange sollen die Fußstapfen der Freiheit Gräber sein?", fragt die Majorität der Studenten mit Büchners Danton. Doch nur in dieser Hinsicht ist es gerechtfertigt, vom SDS als einer verschwindend kleinen Minderheit zu reden. Die Methoden der SDSler lehnt die überwiegende Mehrheit der studierenden Jugend ab, ihrer Einzelkritik an Staat und Gesellschaft jedoch schließt sie sich weithin an. Nicht nur der Dutschke-Anhang hat das vielbemühte Establishment satt: die Große Koalition des Ausklammerns; und Springer; und die traditionsbefangenen Bürokraten und Hierarchien, an deren institutionalisierte Trägheit jede kühne Reform zu scheitern droht.

Darüber darf sich niemand etwas vormachen. Die junge Generation will Wandel, und der SDS ist ihr dabei als schlechtes Gewissen der Gesellschaft ebenso recht, wie Karl Marx einst den Reformern seines Jahrhunderts recht war. Als Schreckgespenst ist der SDS auch all jenen willkommen, die den Herrschenden nicht die Köpfe abschlagen, wohl aber ihnen Beine machen wollen. "Um nur weniges zu erreichen", so schrieb schon Jacob Burckhardt, "braucht die Geschichte ganz enorme Veranstaltungen und einen ganz unverhältnismäßigen Lärm."