Das folgende Interview zu den Studentenunruhen in Westberlin gaben Professor Robert Havemann und Wolf Biermann in Ostberlin dem Korrespondenten der Kopenhagener Zeitung "Information", Per Michaelsen.

Frage: Der Mordanschlag auf Rudi Dutschke hat eine Welle militanter Provokationen der studentischen Jugend ausgelöst. Glauben Sie, daß die Formen des Kampfes der außerparlamentarischen Opposition mit den Prinzipien der Demokratie noch vereinbar sind?

Havemann: Der Mordanschlag auf Dutschke hat in der deutschen Geschichte seine bekannten Vorläufer, die alle Mordanschläge auf die Demokratie waren. Wenn man bedenkt, wohin in Deutschland der politische Mord stets geführt hat, kann keine Protestaktion zu stark sein, eher zu schwach. Daß die Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland ausgehöhlt und unglaubwürdig geworden ist, hat selbst Karl Jaspers offen ausgesprochen. Die Regeln dieser Demokratie machen jede Opposition, die sich an sie hält, zur Lächerlichkeit.

Frage: Herr Biermann, es befremdet bei uns viele Menschen, daß gerade Sie nicht mit Ihren Liedern und Gedichten unter den Studenten in Westberlin und in der Bundesrepublik auftreten.

Biermann: Mich befremdet, daß der Minister für Kultur der DDR mir die Teilnahme am Ostermarsch 1968 und an anderen Veranstaltungen der Linken verboten hat. Ich glaube, viele DDR-Kommunisten würden gern auch mal dort mitarbeiten, wo im Moment so wichtige sozialistische Politik gemacht wird und wo im Kampf gegen den Neofaschismus so viel auf dem Spiel steht. Havemann und ich haben schon vor einem halben Jahr einen Brief an den Staatsratsvorsitzenden der DDR geschrieben, in dem wir darum baten, uns für einige Zeit Gelegenheit zu geben, in Westberlin und Westdeutschland politisch zu arbeiten. Aber ohne Passierschein ist es zu beschwerlich, unsere Genossen vom SDS im Westen zu besuchen.

Frage: Wenn Sie schon daran gehindert werden, an den Aktionen der Studenten teilzunehmen, wie nehmen Sie dann trotzdem teil?

Biermann: Auf keinen Fall durch nur innere Anteilnahme. Ich habe jetzt ein Lied für die Studenten geschrieben, das hoffentlich gut genug ist, um ihnen in ihrem schweren Kampf ein bißchen zu helfen. Im übrigen werde ich mich noch einmal dringend um eine Reisegenehmigung bemühen. Ohne die unmittelbare Anschauung ist es für mich fast unmöglich, etwas Brauchbares für die Studenten zu schreiben. Wenn man nicht gleich totgeschlagen wird, können ja solche Gummiknüppel auf dem Kopf eine unerhört belebende und lehrreiche Wirkung für den Geschlagenen haben. Die poetische Phantasie eines politischen Dichters entzündet sich an den kalten Duschen der Wasserwerfer eben leichter als im vergleichsweise friedhofsfriedlichen Mief. Meine letzten Wasserwerfer-Genüsse hatte ich vor über fünfzehn Jahren, als es in Hamburg noch eine legale FDJ und KPD gab und wir gegen die Aufführung des nazistischen Rommel-Films demonstrierten.