Von Tilman Moser

Hätte sich ein Außenstehender in der letzten Woche auf dem Frankfurter Soziologenkongreß ein Bild machen wollen von den wissenschaftlichen Mitteln und den Erkenntniszielen der Soziologie, er wäre ziemlich ratlos wieder nach Hause gegangen. Und hatten sich die vielen jungen Soziologen erhofft, etwas über zukünftige Denk- und Forschungsperspektiven ihres Faches zu erfahren, so wurden sie enttäuscht.

Es liefen mehrere Fäden soziologischer Denktradition durcheinander, längst bekannte eigentlich. Doch die Themenstellung – "Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?" – und die drängende Kritik der Studenten führten zu einer Polarisierung der Meinungen.

Der Zerfall der deutschen Soziologie in eine kritische, am Marxismus orientierte gesamtgesellschaftliche Analyse auf der einen und in eine entfesselte neopositivistische Empirie, die alles, was an Interpretation über statistisch abgesicherte. Wenn-dann-Sätze hinausgeht, für Sozialphilosophie und Theologie erklärt; auf. der anderen Seite schien unaufhaltsam. Die Positionen haben einen Grad, nazistischer Besetzung erfahren, der die wechselseitige Wahrnehmung der Absichten, Denkfiguren und Erkenntnismittel oft schwermacht. In Augenblicken der Rührung wurden zwar alle Aggressionen in harmlose "Mißverständnisse" umgebogen, so sehr, daß Ralf Dahrendorf, Nachfolger Theodor W. Adornos als Vorsitzender der "Deutschen Gesellschaft für Soziologie", gebieterisch auf die Erhaltung der Gegensätze drängen mußte, im ganzen aber wurden lediglich Positionen dargelegt und abgegrenzt, trotz der vielen Fragen, die gestellt wurden. Diese waren, angesichts der beifalls- und protestfreudigen Turnierstimmung des sehr großen Publikums, ohnehin eher Versuche, Lücken in das langsam höher wachsende Bollwerk der Schulburgen zu sprengen, als Verständnisangebote.

Die Kennzeichnung der modernen Gesellschaft als "Industriegesellschaft" kann insofern ideologisch sein, als sie die rein deskriptive Erfassung des Lebens mit der Technik und den Alltagsbedingungen, die sie den Menschen auferlegt, zum ausschließlichen Begriff auch für die "Struktur" dieser Gesellschaft erheben will.

Adorno analysierte die Spannung zwischen der Fülle "sozialer Sachverhalte" und der Struktur der Gesellschaft als analog der zwischen Produktivkräften (dem Entfaltungsgrad der Technik) und den Produktionsverhältnissen (Besitz und Lenkungsmacht). Es charakterisiere gerade unsere Gesellschaft, daß der Gegensatz, obwohl er konstitutiv bleibt, nicht mehr anschaulich ist.

Empirische Sozialforschung muß deshalb auf den Begriff "Gesamtgesellschaft" gar nicht mehr stoßen. Sie nimmt Bedürfnisse und Meinungen, so wie Menschen sie äußern, als Forschungsgegenstände hin, die nicht mehr überprüft zu werden brauchen, während sie, in Adornos kritischer Analyse, als "produziert" erscheinen von einem System, das mit Reklame und Staatsinterventionen sich seiner Überkapazitäten erwehren muß. Gesundheit, Wohnraum, Freizeit werden dabei kaum noch wirksam formuliert, weil sie quer zum Profitinteresse liegen. "Signatur des Zeitalters ist die Präponderanz der Produktionsverhältnisse über die Produktivkräfte": Jene bestimmen, in welcher Weise diese für die Menschen nutzbar gemacht werden. Und daß hier der Irrationalismus herrscht, daran ließ Adorno noch nie einen Zweifel.