Von Golo Mann

"Gewalt" gehört zum klassischen Revolutionsbegriff. Die bestehende Ordnung wird "umgewälzt" durch Mittel, welche die Gesetze verbieten. Der klassische Revolutionsbegriff ist aber für reife Industriegesellschaften ein veralteter, wie Tocqueville schon vor 130 Jahren voraussah. Natürlich finden beständig gesellschaftliche Veränderungen statt; in den letzten zwanzig Jahren hat sich die westeuropäische Gesellschaft viel tiefer verändert als durch die gewalttätige Revolution von 1830. Aber ohne Gewalt, im Rahmen der bestehenden Ordnungen.

Weil das Gesetz nicht seine eigene Aufhebung vorsehen kann, ist revolutionäre Gewalt niemals "erlaubt". Ein Staat, der die Macht und das Selbstvertrauen dazu hat, wird gegen Gewalt sich immer zur Wehr setzen. Die Frage nach der Legalität von revolutionärer Gewalt ist sonach sinnlos. Fragen kann man nur: nach ihrer historischen Möglichkeit und ihrer moralischen Rechtfertigung.

Die Bundesrepublik ist nicht das Frankreich von 1792, nicht das Rußland von 1917, nicht das Vietnam von 1968. Sie ist nicht einmal das Amerika von 1968, denn weder führt sie Krieg gegen Vietnam, noch hat sie Negergettos. Sie ist ein dicht organisierter, funktionierender, auf vielen Gebieten erfolgreicher Staat. Das Staatsvolk steht zu neun Zehnteln hinter ihr, zumal dann, wenn es um die Abwehr von Gewalt geht. Darum ist revolutionäre Gewalt in der Bundesrepublik historisch unmöglich; so sehr, daß die zweite Frage, die nach der moralischen Rechtfertigung, gar nicht gestellt zu werden braucht.

Eine kleine Minderheit, die, sei es aus Idealismus (der sicher da ist), sei es aus Langeweile, Spieltrieb, Nachahmungstrieb (die auch da sein mögen) mit Gewalt gegen den Staat anrennte, würde in den Zuchthäusern enden, gleichzeitig aber gerade jene Elemente stärken, die ihr die widerlichsten sind, die reaktionären, muffigen. Beides wäre ein Jammer.

Die Unterscheidung zwischen "Gewalt gegen Menschen" und "Gewalt gegen Sachen" kann nicht taugen, denn Sachen werden von Menschen geschützt. Sie kann auf die Dauer nicht taugen. Ob sie in den Ostertagen, als Antwort auf den Mordversuch, als Aktion gegen die korrumpierende und unerträgliche Machtballung Springers getaugt hat, ist Sache persönlichen Gefühls und Urteils. Ich würde sagen: da taugte sie oder hätte getaugt, wenn nicht, gegen alle Absicht, Menschen dabei umgekommen wären. Jedenfalls kann sie nicht wiederholt werden.

Aus dem SDS verlautete, man brauchte angesichts des Todes von Klaus Frings keine Rührseligkeit zeigen. Das halte ich für die Pose dessen, der den harten Revolutionsmann spielen will, welcher er gar nicht ist. Wären die linken Studenten sicher, kraft "revolutionärer Gewalt", auch nur zehn Menschen ungestraft töten zu können, so würden sie es doch nicht tun, weil sie viel zu anständig dazu sind.