"Eine der Schwierigkeiten, die Fähigkeiten der praktischen Ärzte jener Zeit richtig einzuschätzen, ist die Tatsache, daß Berichte von Patienten, die sich in Behandlung begaben, nahezu völlig fehlen." – Aus einem Bericht über "Medizin im mittelalterlichen England", Times Literary Supplement, 11. Januar 1968.

Herr Strawinsky, wir hörten mit Bedauern, daß Sie ein zweites Mal ins Krankenhaus mußten?

STRAWINSKY: Ich weiß Ihr Mitgefühl zu schätzen, denn ich kann es brauchen. In letzter Zeit hatte ich den Eindruck: je größer die medizinischen Fortschritte, desto geringer die Chance der Patienten, Ärzte und Krankenhaus zu überleben. Bis zu diesem letzten Abenteuer war mir nicht bewußt, wie weitgehend Mediziner – wie Generale und Politiker – das Recht haben, unrecht zu haben. Mir war auch der Unterschied nicht ausreichend klar zwischen einer medizinischen Wissenschaft um der medizinischen Wissenschaft selbst willen nach dem Motto: "Operation gelungen, Patient tot" – und der medizinischen Praxis um der Patienten willen.

Einige der Veröffentlichungen über das neue Herz des verstorbenen Mr. Washkansky trugen so ganz nebenher dazu bei, daß man da keine Haarspalterei mehr zu betreiben braucht, denn sie zeigten ganz offen, daß hier ein Menschenleben weniger wichtig war als das Transplantationsexperiment, zu dem es Gelegenheit gab. Inspiriert durch meine eigenen taufrischen Erfahrungen, machte ich mir Gedanken nicht nur über Mr. Washkansky, sondern ebenso über die unaktuellen Patienten neben ihm: Während die Krankenschwestern für Life posierten und die Ärzte den Journalisten von Time Tips für die Titelstory gaben – wer verteilte da die Herztropfen?

Mein Vertrauen in den Routinedienst in Krankenhäusern wurde nicht gerade größer. Einmal bekam ich falsche Röntgenstrahlen, ein andermal wäre mir beinahe eine falsche Spritze gegeben worden; als man dann schließlich die richtige Ampulle fand (die wahrscheinlich gerade einem Besucher injiziert werden sollte) und die Nadel an meinem Arm ansetzte, verrutschte sie und pumpte mir die Haut wie einen Luftballon auf. Ich bekam, was eine der Schwestern meinen Koller zu nennen pflegte, aber dieser Protest muß wohl nicht furchterregend und laut genug gewesen sein, denn bald darauf war an einer Flasche der Korken zu locker, ich wurde von dem Zeug total überflutet, so daß ich mich langsam fragte, wieviel an mir wohl noch echt und wieviel bereits synthetisch war.

Identitätsprobleme dieser Art werden immer häufiger entstehen, da immer mehr Gehirne gewaschen und Blutbänke, Depots für noch funktionierende Organe und chirurgische Übertragung gen ("Veredelungskerne" und "Transplantate" heißt das in der Gartenbau- und Anti-Vivisektions-Terminologie) immer besser funktionieren werden, was eines Tages die Schwierigkeiten der Gewebelehre und Apartheid beseitigen wird. Eine andere Möglichkeit, die man in Betracht ziehen muß: Die zufällige Verpflanzung der Seele und des Wesens. Das würde natürlich die alte Diskussion der verschiedenen philosophischen Schulen über Teilbarkeit und Unteilbarkeit (über das Eine und die Vielen) wieder aufleben lassen, zu theologischem Durcheinander über die Gnadenwahl, zu gerichtsmedizinischen Argumenten in Zivilprozessen über Privateigentum (wirklich "privates" Eigentum) und zu exakten Begriffsbestimmungen von "ich" und "du" führen, was damit enden könnte, daß Spender und Empfänger der Austauschorgane ihre beiden Namen, mit einem Bindestrich, zusammenschrieben.

Sie sprachen über lästige Quälereien im Krankenhaus.