Von Joachim Schwelien

Washington, im April

Wenige Tage nach der Ermordung Martin Luther Kings hat das amerikanische Repräsentantenhaus – wie vorher schon der Senat – die seit zwei Jahren überfällige "Open Housing Bill" verabschiedet. Dieses Gesetz soll bis 1970 die Diskriminierung der Farbigen auf dem Wohnungsmarkt beseitigen und damit ihre Gettoisierung mildern.

Die stattliche Mehrheit, die sich mit einem Male für dieses Gesetz fand, stellte das Sühnegeld für das Verbrechen von Memphis dar. Ob aber dem Ausgleich zwischen den Rassen in Amerika mit diesen legislativen Silberlingen entscheidend gedient wird, bleibt dahingestellt. Zwar feierte Präsident Johnson das Gesetz als einen "Sieg für jeden Amerikaner" und als das "Versprechen des Jahrhunderts", doch sogar gemäßigte Negerführer wie Pastor Ralph Abernathy, der Titular-Nachfolger Kings in der Southern Christian Leadership Conference, bezweifelten seinen Effekt für eine zügige Entgettoisierung der amerikanischen Farbigen.

Wer als Neger nach Suburbia umziehen will, der muß nun einmal ein entsprechend hohes Einkommen haben; das jedoch fehlt über 90 Prozent der Farbigen. Kein noch so straff angewandtes Gesetz kann im übrigen eine weiße Nachbarschaft daran hindern, den farbigen Zuzügler zu schneiden, zu boykottieren und mit kleinen Schikanen so lange zu isolieren, bis er wieder das Weite sucht. Außerdem wollen die meisten Farbigen gar nicht in einer überwiegend weißen Umgebung wohnen, sondern in der Nachbarschaft ihrer Rassegenossen, dort aber eben anständig und mit dem gleichen sozialen Status wie der weiße Amerikaner in seinen Vorstadtgürteln.

Darin liegt das tragische Mißverständnis, das die anhaltenden und wachsenden Spannungen zwischen Schwarz und Weiß in den USA bewirkt: in dem Glauben der weißen Mehrheit und der in der Rassenfrage liberalen Staatsführung, die aus einer Jahrhunderte alten Tradition herrührende Diskriminierung des Farbigen lasse sich durch Gleichstellungsgesetze aus der Welt schaffen. Wohl haben diese Gesetze oder Entscheidungen des Obersten Bundesgerichtes manche Schranke niedergerissen, aber sie haben den sozialen Status der Farbigen kaum verändert. Sie bleiben die unterste Einkommensschicht – das Proletariat der Städte.

Im übrigen ist das Gesetz nicht allmächtig. Trotz der Entscheidung des Obersten Gerichtes von 1954, mit der die Rassentrennung in den Schulen verboten wurde, gehen bis heute in den Südstaaten nur etwas über zwei Prozent der farbigen Kinder auf Schulen der Weißen. In den Großstädten des Nordens ist die Schulintegration sogar rückläufig, da der vermehrte Zuzug von Farbigen vom Land bei gleichzeitigem Wegzug der Weißen aus den Stadtkernen nach Suburbia mehr und mehr Großstadtkerne in rein farbige Wohngebiete verwandelt, in die kein Weißer seine Kinder in die Schule schickt. Die Hauptstadt Washington hat gegenwärtig eine farbige Bevölkerungsmehrheit von 66 Prozent, in den Schulen aber eine farbige Schülermehrheit von annähernd neunzig Prozent.