Drei Wochen nach der dramatischen Friedensgeste von US-Präsident Johnson waren Washington und Hanoi am Wochenanfang noch immer in einen Kleinkrieg um den Ort für erste Kontaktgespräche verstrickt. Johnson hatte sich ursprünglich bereit erklärt, "überall und zu jeder Zeit" mit Vertretern Nordvietnams zusammenzutreffen. Hanoi schlug Warschau und Phnom Penh vor, Washington nannte zunächst Djakarta, Genf, Neu-Delhi, Rangun und Vientiane als mögliche Treffpunkte für Unterhändler.

US-Verteidigungsminister Clifford interpretierte den Präsidenten in der vorigen Woche: Johnson habe mit seiner Versicherung, "an jeden Ort zu jeder Zeit" zu gehen, offenbar nur "jeden vernünftigen Ort zu einer vernünftigen Zeit" gemeint. Außenminister Rusk zählte drei Essentials für einen annehmbaren Konferenzort auf: 1. Er müsse für beide Seiten akzeptabel sein, 2. eine ungehinderte Konsultation der Verbündeten zulassen und 3. für die internationale Presse zugänglich sein.

Am Donnerstag voriger Woche schlug Außenminister Rusk zehn weitere Konferenzorte in Asien und Europa vor. Selbst nach amerikanischen Maßstäben jedoch konnte keiner dieser Vorschläge für Hanoi annehmbar sein – es ist in keinem der zehn Länder diplomatisch vertreten. Das nordvietnamesische Parteiorgan "Nhan Dan" beschuldigte am Dienstag die USA, die Gespräche zu verzögern, und forderte die Amerikaner auf, Warschau und Phnom Penh zu akzeptieren.

Unter dem doppelten Druck der Verbündeten und seiner eigenen Berater hatte sich Johnson außerstande gesehen, auf die Vorschläge Hanois einzugehen. Die "New York Times" schrieb dazu: "Einige Beamte hier sagen, daß Walt W. Rostow (Präsidentenberater für Sicherheitsfragen) und andere Berater, die überzeugt seien, eine ‚harte Linie‘ einschlagen zu müssen, den Präsidenten überredet haben ... Diese ‚harte‘ Gruppe ist der Ansicht, der Krieg verlaufe wieder günstiger und der Präsident solle Hanoi und beunruhigten Verbündeten wie Südvietnam, Südkorea und Thailand seine Festigkeit zeigen." Hinter allem stand die Sorge, es könne den Amerikanern in Vietnam so gehen wie vor 17 Jahr ren in Korea: Damals waren die schwersten Kämpfe erst nach Beginn der Waffenstillstandsverhandlungen entbrannt.

Die Amerikaner verstärkten denn auch vorige Woche ihre Kriegsanstrengungen, nachdem ein übergelaufener Oberst der Volksbefreiungsarmee neue Pläne für einen Großangriff auf Saigon ausgeplaudert hatte. Am Wochenanfang herrschte in Washington schon fast wieder der alte Optimismus. Verteidigungsminister Clifford kündigte an: Die wachsende Kampfkraft der südvietnamesischen Streitkräfte werde eine Verringerung der amerikanischen Kriegsanstrengungen und "zu gegebener Zeit" den Abzug amerikanischer Einheiten ermöglichen.