Neue Kraftlinien des Polyzentrismus haben sich am Vorabend der Konferenz abgezeichnet, die am Mittwoch in Budapest begann und auf der die kommunistischen Parteien ein neues Welttreffen vorbereiten wollen. Nur einen Monat nach der letzten Konsultativkonferenz in der ungarischen Hauptstadt,, wo die Rumänen ihre Eigenständigkeit so dramatisch unter Beweis gestellt hatten, hat auch die neue Führung der ČSSR einen "eigenen Weg zum Sozialismus" angekündigt.

In einem scharfen Leitartikel des Parteiorgans "Rude Pravo" betonte der Ideologe der KPČ, Ivan Synek, am Freitag voriger Woche die Grundsätze der Gleichheit, der Nichteinmischung und der Souveränität für alle kommunistischen Parteien. Synek: "Es ist das wichtigste, daß die heutige Tschechoslowakei den tschechoslowakischen Weg zur Wiedergeburt des Sozialismus finden muß."

Es gebe kein Modell eines "universalen Sozialismus", das für jeden annehmbar wäre. Diese Feststellung berechtige die ČSSR zwar keinesfalls dazu, "die internationale Stellung der sowjetischen Kommunistischen Partei zu ignorieren. Achtung vor der sowjetischen Erfahrung bedeutet jedoch nicht, daß man sie blind nachahmen sollte, sondern daß sie schöpferisch angewendet werden sollte." Zur gegenwärtigen Liberalisierungswelle schrieb Synek freilich: "Wir haben nicht die Absicht, unsere Methoden so weit zu treiben, daß sie als Verletzung internationaler Grundsätze als antimarxistisch oder gar als antisowjetisch angesehen werden könnten."

Dagegen behauptete das Moskauer Regierungsblatt "Iswestija" am Wochenende, daß die Rufe nach Liberalisierung in den kommunistischen Ländern der "Konterrevolution" und der "Liquidierung des Kommunismus" dienten. Vor vierzehn Tagen hatte bereits der SED-Sekretär Honecker in der "Iswestija" "nationale Wege zum Sozialismus" abgelehnt. Jetzt ließ das sowjetische Parteiorgan "Prawda" auch das Mitglied des ungarischen Politbüros Szirmai zu Wort kommen, der sich gegen einen eigenständigen Weg aussprach.

Um die Einheit des kommunistischen Lagers besorgt, weiß Moskau, wo seine Freunde sitzen: Der sowjetische Botschafter in Warschau, Aristov, pries den polnischen Parteichef Gomulka am Wochenende als "Lieblingssohn der polnischen Nation". Der Diplomat lobte die polnische KP, die sich gegen "alle dunklen Kräfte der Reaktion" behauptet hat In der Tat: Seit Anfang des Jahres wurden – wie Warschau jetzt bekanntgab – über 8000 Personen aus der "Vereinigt Polnischen Arbeiterpartei" ausgeschloss – 6951 Mitglieder wegen "Passivität und Vernachlässigung ihrer Parteipflichten", 1404 aus moralischen Gründen".