Die politische Unruhe hat die Wähler in Baden-Württemberg aufgerüttelt

Von Rolf Zundel

Stuttgart, im April

Ha no", sagte der Mann mit den derben, verarbeiteten Händen und fixierte stirnrunzelnd einen Studenten, der, das Mao-Brevier schwenkend, weitschweifig vom Idealbild der sozialistischen Gesellschaft redete und sich dabei auch nicht durch den Versammlungsleiter unterbrechen lassen wollte, "jetzt tat i mi doch a bisle ordentlicher aufführa." So geschehen in einer Wahlversammlung der Demokratischen Linken, die sich an verbaler Aggressivität gegen die autoritären Strukturen der Bundesrepublik von keiner anderen Partei übertreffen läßt.

Ordnung gehört in Baden-Württemberg zum Lebensstil; seit den Osterdemonstrationen ist sie zum Schlüsselwort des Wahlkampfes geworden. Die Gruppen haben sich polarisiert. Auf der einen Seite bekamen die Bewahrer der Ordnung Auftrieb; auf der anderen Seite sind die radikalen Kritiker noch aggressiver geworden.

Die NPD nutzt skrupellos beide Stimmungen aus. Kein Redner der Nationaldemokraten, der nicht im Brustton der Entrüstung von den bärtigen Revoluzzern berichtet, die unter der roten Fahne marschieren und "sogar Polizisten anspucken". "Die alten Parteien haben versagt – Volk und Vaterland, Familie und Heimat sollen nichts mehr gelten – anstatt für die Zukunft zu handeln, übten wir uns in ‚Vergangenheitsbewältigung‘ – soll es so weitergehen? Nein – deshalb NPD wählen!"

Die anderen Parteien fürchten, daß diese Parolen nicht unwirksam bleiben werden. Bei Arbeitern, die weder konfessionell noch gewerkschaftlich gebunden sind, und bei Klein- und Spießbürgern kommt diese Werbung an. Bei den Bauern – der anderen großen Zielgruppe der NPD-Agitation – werden die Parolen noch mit Schollenmystik verziert. Vor einigen Wochen bestand noch die Hoffnung, die NPD unter die Fünfprozentgrenze drücken zu können; jetzt zweifelt fast niemand mehr daran, daß die Nationaldemokraten in den Landtag einziehen werden.