In dieser Woche wurde den Berliner Verlegern ein 180 Seiten starkes Gutachten der sogenannten Michel-Kommission über die Wettbewerbssituation von Presse und Rundfunk (inklusive Fernsehen) übergeben. Es ist speziell auf die Berliner Situation und die dort durch den Springer-Konzern gegebene besondere Lage zugespitzt.

Wochenlang lag der Bericht in den Schöneberger Senatsschubladen. Niemand weiß warum. Das Gutachten wird der Debatte über Springers Machtkonzentration neuen Auftrieb geben. Die Michel-Kommission spricht unverhohlen davon, daß der Berliner Zeitungsmarkt von der Springergruppe im Sinne des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen beherrscht wird, so daß es dem "Bundeskartellamt vorbehalten ist, die rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, um das Übergewicht eines Unternehmes mit den Erfordernissen eines rechtlich geordneten Wettbewerbs in Einklang zu bringen".

Die Gutachter stellten aber auch die Frage, ob das Recht der Wettbewerbsbeschränkung ausreicht, um die besonderen Probleme zu lösen, welche die Struktur des Berliner Zeitungsmarkts für kleinere und mittlere Zeitungen aufwirft.

Daß der Springer-Konzern seine marktbeherrschende Stellung im Sinne des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkung "mißbräuchlich" ausgenutzt haben könnte, lassen die Gutachter anklingen. Sie erwähnen beispielsweise die Preispolitik der Berlin-Ausgabe für die "Welt". "Bezugspreis-Erhöhungen wurden in Westberlin in der Regel mit erheblichen Verzögerungen in Kraft gesetzt" – mit anderem Wort: Dumpingpreise. Dem Großverleger – Ende 1967 beherrschte er 69,7 Prozent aller Tageszeitungen in Westberlin – wird die Lektüre dieses Gutachtens keine Freude bereiten. v.K.