Von Dietrich Strothmann

Es war nicht nur ein kalkuliertes Geschäft, für Verleger – es war auch die Notwendigkeit zur politischen Aufklärung, daß sich eine Vielzahl von Autoren nach den Anfangserfolgen der Nationaldemokraten alsbald und mit Eifer – manche auch im Zorn – dieser neuen Rechtspartei zuwandten. 1964, im Spätherbst, war diese Rechtsaußen-Gruppierung ins Rampenlicht getreten; 1966 hatte sie schon ihre ersten Wahlerfolge errungen und war zum Gegenstand der politischen Literatur geworden. Anfangs waren es noch Zeitungsbeiträge, so von Scheuch, Lenk, Eppler; es folgten Broschüren für den Dienstgebrauch der Parteien und Organisationen; nun liegen auch die ersten Gesamtdarstellungen vor mit reichhaltigen, geordneten Materialien. Die soziologischen Analytiker haben sich der Thaddens angenommen. Doch selbst sie vermögen nicht viel mehr zu geben, als vorläufige Antworten auf häufig verworrene oder verschwommene Fragen.

Immerhin: drei, vier Untersuchungen gehen über die Alltagsaktualität hinaus und auch – was gerade beim Thema „Rechtsradikalismus in der Bundesrepublik“ vonnöten ist – über den Teilbereich „Nationaldemokratische Partei Deutschlands“. Denn zutreffend läßt sich dieses Phänomen nur beschreiben und interpretieren, wenn zugleich seine Voraussetzungen ausreichend analysiert werden. Die Bedingungen für die Gründung und den Erfolg dieser Partei sind demnach von größerer Relevanz – auch der korrekten Einschätzung ihrer Gefährlichkeit und ihrer Überwindung wegen –, als etwa die Tatsache, daß es in Thaddens Führungskader noch immer einige „Ehemalige“ gibt. Um das Feld rechtsradikaler oder autoritärer Gesinnung in unseren Lande zu bestellen, reicht die Saat eines Aden von Thadden allein nicht aus.

Vorbildlich in der Analyse sind in dieser Hinsicht drei Veröffentlichungen aus jüngster Zeit

Iring Fetscher (Herausg.): „Rechtsradikalismus“; Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt a. Main 1967; 253 Seiten, 14,80 DM;

Freimut Dave (Herausg.): „Die Restauration entläßt ihre Kinder oder Der Erfolg der Rechten in der Bundesrepublik“; Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1968; 184 Seiten, 2,20 DM;

Reinhard Kühnl: „Die NPD. Struktur, Programm und Ideologie einer neofaschistischen Partei“; Voltaire Verlag, Berlin 1967; 260 Seiten, 11,80 DM.

Unerheblich ist es, daß alle Autoren nicht mehr die Ereignisse des letzten Jahres berücksichtigen konnten: das neue zweite Programm der Nationaldemokraten und die Resultate der Wahlen in Bremen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Der Kern ihrer Kommentare wäre dadurch nicht verändert worden. Alle spannen die Untersuchung in einen breiten Rahmen ein. So ließ etwa Fetscher prüfen, ob es in der Vertriebenenpresse einen Rechtsradikalismus gibt, welches Bild die rechtsextremen Jugendgruppen bieten und welche verwandten Züge diese politische Richtung mit den rechtsradikalen Bewegungen in Frankreich und in den Vereinigten Staaten aufweist. Fetscher selber geht von der Grundtatsache aus, daß Thaddens Vorstoß und Geländegewinn auf die als „Entideologisierung so laut gefeierte Entpolitisierung des Bewußtseins“ zurückzuführen sind, wodurch der „Wahlakt schließlich auf eine Zustimmung zur Qualität und Quantität der gelieferten Prosperität“ reduziert worden sei. Das läßt sich ebensowenig abstreiten wie die daraus folgende These: Es sei nicht die Schuld der Nationaldemokraten, daß es ein rechtsradikales Potential in der Bundesrepublik gebe. Zu Recht warnt Fetscher vor dem „gefährlichen Mißverständnis, wenn die demokratischen Parteien glauben, durch Bearbeiten der nationalistischen Trommel rechtsextremen Parteien Wähler streitig machen zu können“.

Nur mit der bundesrepublikanischen Situation, wenngleich auch mit den Randgebieten des Rechtsextremismus beschäftigt sich der Rowohlt-Sammelband, zu dem neben anderen Günter Grass, Ralf Dahrendorf und Ekkehart Krippendorff beigetragen haben. Hier werden die „nationale Reaktion“ bei manchen Bonner Politikern auf die nationaldemokratischen Erfolge, die verquollene Gedankenwelt des Thadden-Sprachrohrs „Deutsche Nachrichten“ und der rechte Flügel in der evangelischen Kirche unter eine kritische Lupe genommen. Beide Publikationen sind unerläßlich für eine gerechte Einschätzung der Grenzen und Chancen rechtsradikaler Politik. Das gilt auch, zumindest in großen Teilen, für die dritte Arbeit, die ein Fachmann auf diesem Gebiet, Reinhard Kühnl, besorgte. Die Kapitel III (Programm und Ideologie) bis V (Die Reaktion der Öffentlichkeit) bieten das beste authentische Material der gesamten Literatur über die Nationaldemokraten.

Im Gegensatz zu Fetschers und Duves Ansatz geht es aber Kühnl auch darum, die Parallelität zwischen den Nationaldemokraten und den Nationalsozialisten nachzuweisen. Bei diesem Versieh, der schon in den ersten Publikationen über die neue Partei an der Tagesordnung war, konnte er freilich nicht mit der Entwicklung Schritt halten, die Thadden absichtlich gegen diese Gleichsetzung forciert hat. Es ist noch undeutlich, ob sich die Nationaldemokraten zu einer „nationalen Opposition“ mausert, oder ob sie in die Radikalität der ersten Jahre zurückfällt. Der Prozeß ist noch im Gange, sein Ausgang offen. Am Ende könnte sich Kühnls Beweisführung als überholt erweisen, wie bereits auch seine ideologischen Ableitungen aus dem nicht mehr gültigen „Manifest“ der Nationaldemokraten heute nur noch von historischem Interesse sind.

Bei einer derart „schnellebigen“ Partei geraten Vergleichsanalysen und Kommentare, die das Krebsgeschwür nur oberflächlich diagnostizieren, ohnehin leicht in die Gefahr der Unaktualität. Es gab in den letzten beiden Jahren deutscher Politik kein Ereignis, das so spontan und häufig in Aufsätzen, Broschüren und Büchern behandelt wurde wie Aufstieg und Aufschwung dieser Rechtspartei. Manches ist Materialsammlung und Meinungsjournalismus geblieben, einiges davon auch heute noch brauchbar wie

Kurt Hirsch: „Kommen die Nazis wieder?“; Kurt Desch Verlag, München 1967; 199 Seiten, 9,80 DM;

Werner Smoydzin: „Die NPD. Geschichte und Umwelt einer Partei“; Ilmgau Verlag, Pfaffenhofen 1967; 281 Seiten, 10,80 DM;

Hans Frederik: „NPD – Gefahr von rechts?“; Verlag Politisches Archiv, München-Inning 1966; 212 Seiten, 9,80 DM.

Andere Darstellungen, die sich nicht auf die Nationaldemokraten beschränken, sondern alle Spielarten des Rechtsradikalismus prüfen, bleiben ebenfalls noch von Nutzen – so

Lorenz Bessel-Lorek/Heinrich Gippel/Wolfgang Götz: „National oder radikal?“; v. Hase u. Koehler Verlag, Mainz 1966; 151 Seiten, 8,80 DM;

Wolfgang Götz/Joachim Sieden: „Bis alles in Scherben fällt“; v. Hase u. Koehler Verlag, Mainz 1967; 96 Seiten, 3,80 DM;

Kurt Hirsch: „Signale von rechts. 100 Jahre Programme der Rechtsparteien“; Wilhelm Goldmann Verlag, München 1967; 163 Seiten, 2,80 DM;

Hans Frederik: „Die Rechtsradikalen“; Humboldt Verlag, München-Inning 1965; 142 Seiten, 12,80 DM.

Lesenswert geblieben ist auch eine der ersten umfassenden, schwungvoll geschriebenen Porträts der Nationaldemokratischen Partei und ihrer historischen Bedingungen unter dem Titel „Die nationale Welle. Masche, Mythos und Misere einer neuen Rebellion von rechts“; die Fritz Richert im Seewald Verlag, Stuttgart 1966 (206 Seiten, 16,80 DM) publiziert hat.

Alle hier aufgeführten Bücher aber stützen sich auf drei unersetzliche Standardwerke:

Hans-Helmuth Knütter: „Ideologie des Rechtsradikalismus im Nachkriegsdeutschland“; Bd.

19 der Bonner Historischen Forschung, Röhrscheid Verlag, Bonn 1961; 230 Seiten, 16,80 DM;

Heinz Brüdigam: „Der Schoß ist fruchtbar noch“; Frankfurt 1964; 212 Seiten, 7,80 DM; Manfred Jenke: „Verschwörung von rechts?“ Colloquium Verlag, Berlin 1961; 396 Seiten, 29,80 DM (vergriffen).

Jenke hat außerdem eine zeitgemäße Kurzfassung seiner ersten Studie herausgebracht, die als Einführung allen Anforderungen genügt: „Die nationale Rechte. Parteien, Politiker, Publizisten“; Colloquium Verlag, Berlin 1967; 229 Seiten, 14,80 DM.

Das reichhaltige Angebot an Literatur über die Nationaldemokraten indessen kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die große Monographie dieser neuen Bewegung im deutschen Parteileben noch fehlt. Sie ist bald an der Zeit, spätestens nach 1969, nach der nächsten Bundestagswahl Sie müßte dann auch eine kritische Diagnose der letzten 25 Jahre deutscher Nachkriegsgeschichte geben – die Geschichte einer deutschen Krankheit.