Man denkt an Männer wie Alsberg, Frey und Ronge. Was war es, das diese und einige andere Anwälte so berühmt werden ließ? Gewiß war es auch und vielleicht in erster Linie ihr Können – aber sicher ebenso ihr Auftreten, die bewußte Selbststilisierung. Max Alsberg, der große Berliner Strafverteidiger der zwanziger Jahre, war ein exzellenter Jurist; sein Buch über den Beweisantrag im Strafprozeß wird noch heute viel benutzt. Aber er trieb auch, wenn man der Biographie von Curt Riess trauen darf, Extravaganz und Angeberei bis zum Exzeß. Er hielt sich einen Rolls Royce mit Chauffeur (um die Mandanten und Richter zu beeindrucken), logierte bei auswärtigen Verteidigungen wie ein Fürst mit großem Gefolge in den Grandhotels, gab Essen mit Lohndienern in Livree und Escarpins („das Menü wurde von Alsberg persönlich komponiert, Geld durfte keine Rolle spielen“) und machte sich den Mandanten rar („für einen nicht empfohlenen und nicht prominenten Mandanten war es geradezu unmöglich, zu ihm vorzudringen“).

Alsbergs großer Konkurrent Erich Frey erzählt in seiner Autobiographie ähnliches. Auch er wußte zu leben; er verkehrte in den „kleinen exquisiten Weinlokalen“, wo er die Ober mit Namen kannte. In seinem Büro lagen „Smyrna-Teppiche, in denen der Fuß des Besuchers versank“, „zahlreiche hübsche Sekretärinnen“ trieben „ihr geschäftiges Unwesen“, und ein Boy, auf dessen lichtgrüne Livree ein „F“ gestickt war, empfing die Besucher.

Angefangen hatten auch diese Anwälte mit Alltagsfällen – bis schließlich ein Prozeß, in dem sie auftraten, die Neugierde des Publikums und vor allem der Presse erregte. Sie wurden filmschauspielerhaft berühmt, und nach ein paar Jahren, zum Beispiel, kreierte Kempinski ein „Filet à la Dr. Frey“.

Ein nützliches Requisit eines Starverteidigers scheint das Monokel gewesen zu sein. Frey zitiert mit unverhohlenem Vergnügen das „Berliner Tageblatt“: „Der Verteidiger, der in dem großen Diebsprozeß fungiert, trägt ein Monokel. Er benutzt es als Beweismittel und rhetorische Wendung. Er klemmt es scharf ein, wenn er dem Staatsanwalt etwas Energisches zu sagen hat. Er läßt es im bewegten Moment pathetisch aus dem Auge fallen. Das sieht sich sehr vornehm an ...“ Frey behauptet, er habe das Einglas seit seinem neunzehnten Lebensjahr getragen; aber die meinen Zeitgenossen hätten die Notwendigkeit bezweifelt.

Auch Paul Ronge trug ein Monokel; er erwähnt das in seinem Buch „Im Namen der Gerechtigkeit“ mit den Worten: „In derselben Zeit, in der auf der Leinwand Charles Laughton, gleich mir mit Einglas, den Verteidiger spielte...“ Er liebte Theater und Musik; und er schreibt: „Einer der Berliner Philharmoniker sah mich einmal noch vor dem Konzert in der dem Saal entgegengesetzten Richtung gehen; er sprach mich an: ‚Um Gottes willen, ohne Sie können wir doch nicht anfangen!‘“

Wer erlebte, wie Ronge im Gerichtssaal agierte, spürte seine Freude an der Publicity; aber er war an so guter Darsteller seiner selbst, daß ihm die sparsamsten Mittel genügten: ein paar selbstbespiegelnde Bonmots aus aktuellem Anlaß, fast nebensächlich hingeworfene Bemerkungen, kein rhetorisches Grollen, sondern gezielte Fragen. Dem „gemütlichen“ dicken Mann, der gern lächelte, sah man die Aufmerksamkeit nicht an, mit der er alles Geschehen verfolgte.

Was ihn für seine Mandanten so wertvoll machte, war nicht die Aura des erfolgreichen Verteidigers der Stefanie Burgmann, sondern das psychologische Geschick, mit dem er eine Atmosphäre der Verträglichkeit herstellte. Erschien Richtern und Staatsanwälten immerfort Solidarität zu suggerieren: „Wir sind doch alle humane und gebildete Leute – laßt uns doch auch diesen Fall mit Lebenserfahrung, Menschlichkeit und ein wenig Eleganz aus der Welt schaffen!“