Ende letzten Jahres, ich erinnere mich dunkel, fand sich auf meinem Schreibtisch unter der Post auch ein Manuskript, das der Begleitbrief als „Auszug aus einem großem Roman“ bezeichnete. Über den Verfasser erteilte ein Gummistempel auf dem Briefbogen Auskunft: „Bob Hansen, freier Schriftsteller, liberté écrivain, z. Z. techn. Abteilungsleiter, Steinheim...“ – und das in steifen Frakturlettern. Da nun jemand, der sich einen in seiner Mischung von Arroganz und falschem Französisch derart verräterischen Stempel anfertigen läßt, eher ein Trottel als ein Schriftsteller zu sein pflegt; da wir sowieso keine Romane drucken; und da eine Zeitungsredaktion entgegen einer verbreiteten Meinung kein allgemeines literarisches Begutachtungsbüro sein kann und sein sollte (zum Beispiel, weil sie in erster Linie eine Zeitung zu machen hat; zum Beispiel, weil die seelsorgerischschulmeisterliche Beurteilung der Arbeiten fremder Leute immer etwas Anmaßendes hat, das man gerade in einem Beruf scheuen lernt, der einem dauerndes öffentliches Urteilen abfordert): wurde das Manuskript ungelesen mit dem für solche Fälle vorgesehenen Formular zurückgeschickt.

Hereingefallen! Bob Hansen gibt es nicht. Das Manuskript war ein Auszug aus dem 119. Kapitel von Musils „Mann ohne Eigenschaften“, von der pardon-Redaktion leicht entstellt (aus Ulrich wurde Jürgen, aus Gerda Helga) an 32 Verlage, Schriftsteller und Germanisten verschickt, um zu „testen“, wie zuverlässig Deutschlands Verlage arbeiten, ob ein Musil heute bei ihnen eine Chance hätte, pardon hat seinen Spaß gehabt: Mancher antwortete knapp, mancher eingehender, niemand aber erkannte Musil wieder, niemand zeigte sich sonderlich interessiert, sich näher mit Bob Hansen einzulassen; auch Musils Verlag nicht.

Für pardon steht fest, daß die eine oder die andere Seite blamiert ist: entweder die Verlage, weil dort lauter Ignoranten sitzen, die einen der großen Romane dieses Jahrhunderts nie gelesen haben, die einen allseits akkreditierten Text weder erkennen noch auch nur ahnen, daß da etwas Bedeutendes vor ihnen liegt; oder aber Musil, der vor dem Urteil der Zeitgenossen nicht mehr bestehen kann.

Ich vermute indessen, daß manchem pardon-Leser das Lachen in der Kehle steckengeblieben ist. Was er zu beweisen scheint, beweist dieser „Test“ nämlich ganz und gar nicht. Würde einem Museumsdirektor ein Ausschnitt aus Tizians Venus von Urbino vorgelegt, sagen wir um der Parallele willen: das Schamhaar, mit ein paar informellen Pinselstrichen anachronistisch verfremdet, und lehnte er den Ankauf ab: es sagte nichts gegen seine Urteilsfähigkeit und nichts gegen Tizian. Der Spott von pardon hat nicht nur etwas von der senilen Süffisanz eines Prüfers, dem eine Frage eingefallen ist, vor der seine Prüflinge tatsächlich kapitulieren mußten, er ist auch grundlos.

Was bewiesen wurde, ist etwas anderes, ein banaler Sachverhalt, wenn man so will. Aber daß eine Wahrheit in ihrer Offensichtlichkeit banal genannt zu werden verdient, hat noch nie gehindert, daß alle Welt tut, als gäbe es sie nicht. Insofern hat das satirische Experiment doch gelohnt: Wer des Schadens nicht so recht froh werden konnte, hat sie begriffen.

Er hat erstens begriffen, daß eine Romanepisode für sich etwas anderes ist als im Zusammenhang; daß sich Romane also nicht beliebig zerstückeln lassen.

Er hat zweitens begriffen, daß es das zeit- und ortlose, das reine, das absolute Kunstwerk nicht gibt. Zu wissen, innerhalb welcher historischen Bezüge ein Werk anzusiedeln ist, ist ein integraler Teil des Verständnisses. Käme heute jemand mit einem Gedicht, das anfängt: „Hör, es klagt das Saxophon, und die kühlen Brunnen rauschen“, so müßte er sich zu Recht sagen lassen, daß das mit unseren Vorstellungen von heutiger Literatur nicht übereinstimmt (so etwa Suhrkamp-Lektor Urs Widmer an „Bob Hansen“). Die Schönheit von Brentanos Gedicht wäre dadurch in keiner Weise beeinträchtigt. Kunst ist relativ.