Von Josef Müller-Marein

Es hatte mit einer Szene am Schwimmbecken begonnen. Das Bassin war als kleines Trostgeschenk des französischen Staates für die Studenten der Pariser Vorort-Universität Nanterre gedacht. Doch als François Missoffe, der Jugend- und Sportminister, – im Februar zur Eröffnung des Schwimmbassins erschien, gab es einen peinlichen Zwischenfall. Einer der Studenten sprach ihn auf „sexuelle Probleme“ an. Der Minister half sich mit einem Bonmot: „Springen Sie in Fällen sexueller Not doch einfach ins kalte Wasser!“ Allgemeine Empörung. Der Student aber, der das Intermezzo hervorgerufen hatte, heißt Daniel Cohn-Bendit. Schon damals haben sich auch außerhalb von Nanterre einige diesen Namen gemerkt, der heute in der ganzen Welt bekannt ist als der des „Roten Dany“. Bei der Straßenschlacht zwischen Studenten und Polizisten, die das Quartier Latin von Paris erschütterte, stand „Dany le Rouge“ auf einer der Barrikaden und kommandierte seine Truppen.

Leute, die Nanterre nur vom Hörensagen kennen und denen das „Sex“-Thema vornehmlich als muntere Lektüre jener Zeitschriften, die davon leben, vertraut ist, kam diese Schwimmbad-Szene nur komisch vor. Aber sie irren. Nanterre, mit seinen Fakultäten der Soziologie und Philosophie, eine „Zweigstelle“ der Sorbonne, ist etwas wie eine „Ausweich-Universität“: Sachliche Gebäude ohne jede Atmosphäre. Ein Fremdkörper in einem Vorort, wo es noch Behausungen aus Wellblech gibt. Schlechte Verbindungen zur Stadt. Keine universell aufgebaute Bibliothek. Studentenheime, die Kasernen gleichen, mit strenger Anweisung, wann wer wen vom anderen Geschlecht besuchen darf. „Sexualnot“ – nur ein Stichwort unter vielen anderen, die eher dem Generalnenner „Unfreiheit aus Eintönigkeit“ unterzuordnen sind. Die 12 000 Studenten von Nanterre sind nicht glücklich. Und einer sagte es am lautesten: der 23jährige Soziologiestudent Cohn-Bendit.

Sein Haar paßt zu seiner Gesinnung: rot – dieser Scherz stört ihn nicht. Sein sommersprossiges Gesicht, in dem blaue Augen leuchten, ist ein bißchen zu rundlich; sonst sähe es am Ende germanisch aus. In der Tat hat er Gegner, die nicht versäumen, seine deutsche Abstammung zu betonen: Daniel, zwar in Frankreich geboren – in Montauban im Jahre 1945 –, ist der Sohn eines Berliner Rechtsanwaltes, der vor den Nazis flüchtete. „Ein Dutschke-Deutscher“ oder „deutsch wie Dutschke“ – so hört man’s in Paris. Aber in der Provinz klingt’s hier und dort gröber: „Deutsch und jüdisch obendrein. So etwas schiebt man über die Grenze, damit man Ruhe kriegt!“

Tatsächlich hat Cohn-Bendit, den die Eltern als Dreizehnjährigen mitnahmen, als sie nach Deutschland zurückkehrten, sechs Jahre lang die „Odenwald-Schule“ besucht und dort, wo immer noch der freie Geist des großen Pädagogen Paul Geheeb wohnt, auch das Abitur gemacht. Dann kehrte er zum Studium nach Frankreich zurück. Sein Bruder, der die französische Nationalität besitzt, unterrichtet an einer höheren Schule in St. Nazaire.

Daniel hingegen hat die deutsche Staatsangehörigkeit, wenn er sich auch lieber als „staatenlos“ bezeichnet. Und er betont dies um so deutlicher, als er fürchten muß, kurzerhand über die Grenze geschoben zu werden. In Wirklichkeit ist er zu gleichen Teilen ein Produkt deutscher und französischer Erziehung. Und schon deshalb findet er es ganz normal, wenn die Jugend des einen Volkes in den Jugenddemonstrationen des anderen mitmarschiert. Ach, er könnte ein Musterbeispiel deutsch-französischer Freundschaft sein, wenn er nicht gar so unbequem wäre.

Daniel Cohn-Bendit, einmal Rebellenführer geworden, mußte daran gelegen sein, möglichst bekannt zu werden. Ein unbekannter „Roter Dany“ wäre, wie seine Freunde meinen, längst abgeschoben worden. So rief er während der stürmischen Tage um die Sorbonne in einer Massenkundgebung aus: „Skandal! Es sind zwei deutsche Studenten auf dem Flugplatz von Orly zurückgewiesen worden!“ (Er hätte auch kein Verständnis dafür, erführe er, daß junge Leute aus Holland, die beim Stern-Marsch der Notstandsgegner auf Bonn teilnehmen wollten, an der Grenze angehalten wurden.) Es kommt aber zur staatlich geförderten Begegnung der Jugend Europas eine für den Staat unbequeme Konsequenz: die Begegnung der Rebellen. Und so leugnet auch der „Rote Dany“ von Paris nicht, im Kontakt mit dem „Roten Rudi“ von Berlin so viele Anregungen erhalten zu haben, wie ein Jüngerer sie nur vom älteren, erfahrenen Vorbild erhalten kann.