Von Helmut Salzinger

Auschwitz, so heißt es bei Peter Weiss, war derjenige Ort, für den er bestimmt war und dem er entkommen sei. „Meine Ortschaft“ nannte er seinen Bericht über einen Besuch im Lager, und er tat es im Bewußtsein, damit den eigenen Standort gekennzeichnet zu haben.

„Ich komme von dem Orte, an dem zu sterben, an dem umgebracht und zu Müll verarbeitet zu werden mir eigentlich bestimmt gewesen war.“ Auch dies die Kennzeichnung eines geistigen Standorts. Sie findet sich in dem neuen Buch von

Günther Anders: „Die Schrift an der Wand“, Tagebücher 1941 bis 1966; Verlag H. C. Beck, München; 428 S., 24,– DM

und die Parallelität der Formulierung wird kein reiner Zufall sein. Es dürften die Gemeinsamkeiten ihres Schicksals – die jüdische Herkunft, die Erfahrung des Exils und das Bewußtsein, daß man der systematisch arbeitenden Vernichtungsmaschinerie seinerzeit nur zufällig entging – gewesen sein, die beide Autoren auf die gleichen Worte verfallen ließen. Keinem, einem Juden schon gar nicht, wird man es verdenken dürfen, wenn Auschwitz ihm zeitlebens ein Trauma bleibt, wenn es ihm – mit einem Wort von Anders – zum Symbol der „absoluten Beliebigkeit“ und der „totalen Ungerechtigkeit des Weltgeistes“ wird.

Doch es gibt auch andere Stimmen. Horst Krüger zum Beispiel mag an eine derartige Symbolisierung gedacht haben, als er Auschwitz als ein „Schlagwort“ bezeichnete, und die Wahl gerade dieses Begriffs läßt die Vermutung zu, daß er, wenn er es zugleich einen „Mythos“ nennt, diesen Mythos für einen falschen und gefährlichen hält. Beide Aspekte lassen sich mit guten Gründen vertreten. Dennoch sind sie unvereinbar. Ich nehme an, daß in dieser Aporie die Ursache des Unbehagens liegt, das mich bei der Lektüre der Tagebuchaufzeichnungen von Günther Anders überkommen hat und das zu überwinden mir nicht möglich war.

Günther Anders, der zu den Fleißigen unter den Diaristen gehört, hat nach eigenem Zeugnis in diesem Band nur einen „kleinen Bruchteil“ seiner Notizen aus den letzten fünfundzwanzig Jahren zusammengestellt, und zwar ausschließlich solche, „die sich auf die Zerstörung unserer Welt und auf die Verwüstung unserer heutigen Existenz beziehen“. Tagebücher im üblichen Sinne enthält der Band „Die Schrift an der Wand“ also nicht. Für sich selber habe er sich seit Jahrzehnten nicht mehr interessiert, notiert Anders einmal, und diese Bemerkung illustriert den merkwürdig unpersönlichen Charakter dieser Aufzeichnungen.