Von Wolfgang Werth

Das Schreiben ist ein unerschöpfliches Thema, sagt der Inka und knüpft einen Knoten in die Schnur. Da kommt seine Frau des Wegs, reißt ihm den Strick aus der Hand und hängt die Wäsche daran auf. ‚Aber das ist ein Roman!‘ sagt der Inka zu seiner Frau. ‚Papperlapapp‘ sagt seine Frau.)“

Diese Minigeschichte ist einer der zahlreichen Augenblickseinfälle, mit denen der sechsundzwanzigjährige Kurzfilmer und Literaturneuling Uwe Brandner sein erstes Buch

Uwe Brandner: „Innerungen“, ein Abenteuer-, Liebes-, Kriminal-, Zukunfts- und Tatsachenroman; Carl Hanser Verlag, München; 210 S., 17,80 DM

aufgefüllt hat. Ist der Inka eine Inkarnation des Autors? Zumindest teilen beide die Ansicht, daß man beim Schreiben nach Belieben verfahren kann. Sie knüpfen Knoten oder machen Worte, wie die Spinne spinnt. Denn alles gehört zum Thema, weil alles aus demselben Material gefertigt wird.

Leider reicht die Parallele nicht weiter. Nicht, daß den „Innerungen“ eine ähnliche Zweckentfremdung zu wünschen gewesen wäre wie die, der das Knüpfwerk des Knotenschürzers anheimfiel. Es muß ja nicht gleich eine rabiate Inkafrau des Wegs kommen. Aber ein kritischer und gründlicher Lektor hätte dem Opus nur von Nutzen sein können.

Wenn man das Vorschußlorbeerblatt, das der Verlag diesem Debüt vorausschickte, für bare Münze nimmt, dann ist Uwe Brandner ein Geniestreich gelungen. Stolz wird überdies vermerkt, daß selbst die „kritischen Götter und Halbgötter“ der Gruppe 47 nicht mit Anerkennung gespart hätten, als der junge Autor in der Pulvermühle Teile der „Innerungen“ zum besten gab.

Das ist gewiß keine Falschmeldung. Dieses Buch eignet sich nämlich recht gut zu auszugsweiser Darbietung. Seine Stärke liegt in zahlreichen Details, nicht in der Konzeption. Gewisse mit Witz gewürzte Portionen dieser popartistischen Mixtur lassen sich appetitanregend servieren, und leicht zieht man daraus den Fehlschluß, auch das noch Vorenthaltene könne doch wohl nicht übel sein. Doch die „Innerungen“ erinnern an Till Eulenspiegels Kieselsteinsuppe: Wer ihr nur die Fettaugen und Fleischbrocken abschöpft, darf sich den Bauch streichen; wer sie aber ungeseiht bis zum Bodensatz auszulöffeln hat, braucht sich über Verdauungsbeschwerden nicht zu wundern.

Dieses Buch, das fünf Romane in einem zu enthalten vorgibt, ist weder ein Roman noch gar (wie der Klappentext behauptet) „fast ein ,lebender‘ Organismus“. Es ist ein allzu unbekümmert unternommener und daher fehlgeschlagener Versuch, den „Roman an sich“ und obendrein seine geläufigsten Spielarten zu parodieren; ein freies Spiel und oft nur eine oberflächliche Alberei mit einigen Möglichkeiten der Sprache und der Typographie.

Mit einer Cassius-Clay-Gebärde fegt Brandner, so, als geschähe es hier zum allererstenmal, sämtliche konventionellen Erzählmuster vom Tisch und erhebt statt dessen die eigene Willkür zum Maßstab und Motor seines Schreibens.

Nach der Devise: Neu ist, was sich vom Alten unterscheidet, beginnt er gleich mit einem Trick. Das erste der 130 Kapitel heißt „Der erste Satz“. Aber da, wo dieser erste Satz stehen müßte, reihen sich nur 52 Gedankenstriche und drei Punkte aneinander, gefolgt von der Aufforderung, sie „nach Belieben nach der Lektüre nach Charakter durch Worte zu ersetzen. Auf diese Weise glaubt Brandner, sich dem Zwang zu einer durchgehenden Melodie entziehen zu können. Der Leser soll nicht eingestimmt werden, soll nie vorauskombinierend erraten können, was kommen muß.

Doch dieser Starteffekt verpufft wie noch so manche andere Fehlzündung. Fehlt der erste. Satz, so wird der zweite zum ersten, und in der Absage an herkömmliche Handlungsschemen und Kompositionsmuster gibt sich denn auch zugleich das Brandnersche Muster preis: Dieser Autor will den Leser nicht mit einem roten Faden gängeln – er versucht, ihn durch Überraschungen bei der Stange zu halten. Weil der Leser (und offensichtlich auch der Schreiber) nicht weiß, welcher Einfall auf der nächsten Seite zu Papier kommen wird, besteht Aussicht, immer wieder einmal auf eine Trouvaille zu stoßen. In der Tat hindert Klugheit oder Blindheit Uwe Brandner daran, seine besten Pointen schon zu Beginn und hintereinanderweg zu verschießen.

Wie ein Zauberlehrling, der einige Tricks perfekt beherrscht und viele noch üben muß, greift er wahllos in die ihm verfügbare Requisitenkiste, holt Versatzstücke hervor, treibt damit mehr oder minder einfallsreichen Hokuspokus und legt sie, im Austausch gegen andere, zurück, verliert sie aus dem Auge oder greift zu anderer Zeit und an anderer Stelle erneut danach.

Ein gewisser Reiz ist diesem Quodlibet zunächst nicht abzusprechen, doch wundert man sich schon bald über die offensichtliche Unfähigkeit des Autors, den Mangel oder die Qualität seiner Darbietungen zu erkennen. Willkürlich läßt er originellen Gedankenblitzen unglaubliche Plattheiten folgen, blödelnde Kalauer haben für ihn denselben Stellenwert wie ein hübscher Aphorismus, schwarzer Humor verbrüdert sich mit hohlem Geschwätz.

Ebenso zufällig treibt Brandner sein Spiel mit formalen Mitteln. Er produziert, was ihm in den Sinn kommt, so wie es ihm gerade in den Sinn kommt. Romanhafte Episoden werden durch dramatische Dialoge verdrängt, die Drehbuchfetzen weichen müssen. Lautmalereien à la Jandl (freilich ohne deren Hintersinn) gehören ebenso dazu wie Scheingedichte. Beziehungslose Notizen drängen sich ein; sogar das Telephonbuch inspiriert zu originell sein wollenden Notaten („LISA, MONA: Tel.: 465 32 74 Gefrierlächlerin, Konservenstraße 12“).

Wenn den Worten und den Formen sprachlicher Artikulation kein Witzchen mehr abzuringen ist, bleibt Brandner immer noch das Spiel mit der Schreibmaschine. Ohne daß dahinter ein tieferer Sinn erkennbar würde, schreibt er eine Passage lang sämtliche Worte mit großen Anfangsbuchstaben, läßt in einer anderen die Punkte aus und bedient die vorübergehend lahmgelegte Taste in einer dritten um so emsiger, indem er ein paar Einzelworte an lange Punktketten legt. Er reduziert Worte zu Initialen, streckt Dialoge, indem er den Satzspiegel halbiert, wechselt nach Belieben vom normalen zum kursiven Schriftbild. Sogar ein Faksimile der Brandnerschen Handschrift darf man bewundern: Die Seite 77 gibt sich als „Buchseele“ aus – einfach indem der erfindungsreiche Debütant dieses Wort aufs sonst leere Blatt schreibt. Demgegenüber erscheint das auf Seite 101 mitgeteilte Gespräch zwischen einem Ich und seinem Chef, das nur aus Interpunktionszeichen besteht, als ein wahres Kabinettstück.

Besonders stolz aber sind Autor und Verlag auf das 128. Kapitel „Charlie“: zehn horizontale Linien, und zwischen der achten und neunten bilden zwei Anführungszeichen, zwei Punkte, ein Ausrufezeichen und ein Gedankenstrich das Gesicht des so eingefangenen Übeltäters, von dessen vergeblicher Verfolgung zuvor an verschiedenen Stellen beiläufig die Rede war. Doch wenn man sich bereitwillig dieses kleinen Scherzes erfreut, wenn man wohlgelaunt das auf Seite 129 gebotene Typogramm „Die Stellung“ betrachtet (ein mit großen X-Lettern ausgefülltes Quadrat, in dessen Mitte sich ein kleines x zwischen Klammern verschanzt), so erinnert man sich doch zugleich melancholisch der geistreichen „Antikoden“, die der junge Tscheche Vaclav Havel aus den Tasten lockt. Auch beim Verfertigen von Typogrammen kommt es auf den Kopf an, der sich über die Schreibmaschine beugt.

Je mehr man in die „Innerungen“ eindringt, desto deutlicher erkennt man, daß die Unerschöpflichkeit Uwe Brandners weitgehend nur vorgetäuscht ist. Der Autor entschädigt nur stellenweise für den Verzicht auf konventionelle Muster. Er befreit sich zwar von den Zwängen tradierter Konstruktionsgesetze, aber er entzieht sich zugleich weitgehend der Pflicht, den Raum der Freiheit, in den er ausbricht, nutzbar zu machen. In dem Bemühen, Sprache und Schrift ans ihren sklavischen, tausendmal vorgeschriebenen Funktionen zu erlösen, sie zum lebendigen Material seines Buches zu machen, bleibt er weit hinter dem zurück, was andere vor ihm bereits erreicht haben.

Reflexion über sein Tun ist nicht Uwe Brandners Stärke. In einem Selbstbekenntnis verrät er: „Das Erlernen der Anwendung von Kraft hat mich so stark beschäftigt, daß ich erst nach Jahren zum Denken kam. Das Denken war da aber bereits so beeindruckt von der gewonnenen Muskelkraft, daß es praktisch ,in dieselbe Kerbe haute‘...“ Er nennt sich „eine nach Anwendung gierende Kraft“, und das heißt in diesem Fall eine sich austobende Kraft, die Aktivität um jeden Preis mit Effektivität verwechselt.

Dem Leser bleibt es überlassen, das zu tun, was der Autor versäumte. Er muß die Fehlschlage von den Treffern sondern, um Gewinn aus den „Innerungen“ zu ziehen. Dabei wird er feststellen, daß die auf der Habenseite zu verbuchenden Qualitäten keineswegs so neuartig sind, wie das ganze Buch sein möchte. Sie ergeben sich zum einen aus Brandners wachem Umgang mit der Umgangssprache, aus dem Versuch, die ihrem Wortsinn entlaufenen Redewendungen und Metaphern auf eben diesen Wortsinn zurückzuführen (in seiner Phantasiestadt Oxester, die „am Lauf der Welt“ liegt, fallen die Meister buchstäblich vom Himmel), zum anderen aus einer oft ungebrochenen Erfindungslust: Man lese etwa die Episode über Ono Nestox, den ältesten Einwohner Oxesters, der sich von Kind auf dagegen gewehrt hat, seine Haare schneiden zu lassen, und so in die Lage versetzt wurde, aus seinem Kopfschmuck eine sichere Behausung zu flechten, die mit ihm an jeden beliebigen Ort wandert, Platz für zechfreudige Freunde bietet und die außen vorbeirauschende Zeit nicht mehr an Ono heranläßt. Bei mildem Abendwind geben die Kräuselungen des Haardachs Nachrichten über die Zukunft preis.

Leider versäumte der Autor, in Onos Haar nach Prognosen für sein eigenes Fortkommen zu forschen. Die „Innerungen“, die er vor uns ausbreitet, eignen sich schlecht für Prophezeiungen. Brandner wird sich an Oxoteles zu halten haben, Oxesters Erzphilosophen, der im Buch nur als Zitatlieferung namhaft gemacht wird: „Die Kultur ist eine Pyramide. Im schönsten Teil liegen Die Ewigen Toten, auf der Spitze kann man kaum sitzen. Was lernen wir aus dieser Erkenntnis? Klettern...“