DIE ZEIT

Menetekel im Musterland

Die Große Koalition in Stuttgart gehört der Vergangenheit an. Gegen ihre Fortsetzung haben sich die schwäbischen Sozialdemokraten deshalb entschieden, weil eine Mehrheit von ihnen darin die unausweichliche Konsequenz ihrer Niederlage bei der Landtagswahl sah.

Gaullistische Götterdämmerung

Der Mythos des großen alten Mannes in Paris hat unversehens einen Stoß bekommen. Und die Historiker werden wohl einmal vermerken, daß jene Götterdämmerung, die in Frankreich so urplötzlich anbrach, nicht minder symbolträchtig war als die durch ihren politischen Symbolismus geprägte Herrschaftsära de Gaulles.

Handikap

Die Vietnamgespräche sind über die Phase der Propaganda noch nicht hinausgediehen. Amerikaner wie Nordvietnamesen reden vorläufig zum Fenster hinaus.

ZEITSPIEGEL

Immer besser geht es Rudi Dutschke. Inzwischen muß sein langjähriger Freund, der ungarische Emigrant und Diplom-Psychologe Thomas Ehleiter, schon nach den wenigen Wörtern suchen, die Dutschke wegen anfänglicher Aphasieerscheinungen noch entfallen sind.

New Deal in Paris?

Aus dem Sturm, den die französischen Studenten entfacht haben, ist noch nicht der Orkan des Umsturzwillens der Arbeiter geworden.

Freiheit fürs Fernsehen

Erst sahen die französischen Fernsehzuschauer eine geschlagene Woche lang von den dramatischsten Straßenszenen seit der Befreiung so gut wie nichts auf ihren Bildschirmen.

Staats-Theater im Staatstheater

Am Anfang einer Woche, die von entscheidendem Gewicht für das Schicksal Frankreichs ist, macht Paris den Eindruck einer Stadt, deren Bürger zwischen Lethargie und nervöser Erwartung schwanken.

Nicht der Wähler, die SPD ist schuld

Es ist üblich, sehr viel Geld auszugeben, um zu erfahren, wie die Wähler sechs oder acht Wochen vor der Wahl wählen würden. Es ist leider nicht üblich, Geld auszugeben, um zu erfahren, warum sie so gewählt haben, wie sie gewählt haben.

Wolf gang Ebert:: Katastrophenfälle

Endlich sind die Notstandsgesetze so gut wie „vom Tisch“, wie man in der Bonner Fachsprache sagt. Jahrelang gab es bei uns manche Notstände, aber keine Gesetze dagegen, und man kann sich nur wundern, daß wir diese Zeit einigermaßen heil überstanden haben.

Anonymität als Schutzschirm

Bei der Zweiten Lesung der Notstandsverfassung hatte die FDP namentliche Abstimmung beantragt. Sie muß stattfinden, wenn fünfzig Mitglieder des Bundestages sie verlangen.

Notstandsrecht – nicht narrensicher

Nach zehn Jahren scheint jetzt die Diskussion über die Notstandsgesetze dem parlamentarischen Abschluß nahe. In der zweiten Lesung hat der Regierungsentwurf eine Form erhalten, die mit großer Wahrscheinlichkeit die für Grundgesetzänderungen erforderliche Zweidrittelmehrheit finden wird.

Rücksicht in Rumänien

Während die Rumänen von Frankreich eine Woche lang nichts anderes erfuhren als das, was General de Gaulle ihnen in Parlament und Universität und auf den Marktplätzen der Walachei zu sagen hatte, rückte sein Triumphzug, seine ganze wirkungsvolle Rhetorik in der Presse des eigenen Landes auf den dritten und vierten Platz.

Politik verflüchtigte sich in Poesie

Nicht Aberglaube, sondern die unglaublichen Nachrichten aus Paris ließen de Gaulle die dreizehnte Seite des schön gedruckten Programms seiner Rumänienreise streichen und vierzehn Stunden früher als geplant abreisen.

George McGhee

Die deutsch-amerikanischen Beziehungen haben nach dem Zweiten Weltkrieg zwei entscheidende Wandlungen durchgemacht. Zunächst entwickelte sich der rachsüchtige Sieger zum hilfreichen Großen Bruder, dann die patronisierende Schutzmacht zum befreundeten Partner.

Opposition hüben und drüben

Am 1. Mai marschierte Westberlins außerparlamentarische Opposition mit der SED zusammen. Nur zwei Wochen später empfingen die jungen Revolutionäre, im DDR-Sonderzug auf dem Sternmarsch nach Bonn, verstörte Volkspolizisten mit dem Schlachtruf: „Macht aus Stalinisten gute Sozialisten.

Polemiken um Vietnam

Drei Gespräche haben die Delegationen der USA und Nordvietnams vorige Woche in Paris über eine Beilegung des Konflikts in Südostasien geführt.

Namen der Woche

Bob Hope (44), amerikanischer Komiker und Truppenbetreuer in Korea und Vietnam, ist als erster Mann des Showbusiness von der Militärakademie in Westpoint/Florida mit der„Sylvanus-Thayer-Medaille“ ausgezeichnet worden.

Hoffnung in Nahost

Die Aussichten für eine Lösung des Nahost-Konflikts haben sich vorige Woche leicht verbessert. Der UN-Sonderbeauftragte Jarring schlug vor, am Sitz der Vereinten Nationen „Konferenzen“ mit den Vertretern Israels und Ägyptens abzuhalten.

Arme belagern Washington

Mit unverhohlenem Mißtrauen betrachtet Washington die spitzgiebelige Barackenstadt, in der sich dieser Tage die etwa 10 000 Teilnehmer am „Marsch der Armen“; niederlassen werden – nur zwölf Gehminuten vom Weißen Haus entfernt.

Von ZEIT zu ZEIT

Durch generalstreikähnliche Arbeitsniederlegungen wurden das öffentliche und das wirtschaftliche Leben Frankreichs nahezu vollständig lahmgelegt.

Kossygin reiste nach Prag

Einen Tag nach den Beschlüssen der tschechoslowakischen Regierung, die einschneidende wirtschaftliche, soziale und politische Reformen eingeleitet haben, erlebte Prag am Freitag voriger Woche eine „friedliche“ Invasion der Sowjets: Ministerpräsident Kossygin traf sich überraschend mit der neuen Parteiführung, um die Beziehungen Moskau–Prag und eine mögliche sowjetische Wirtschaftshilfe für die CSSR zu erörtern.

Schlappe für Biafra

Eine Woche vor den Friedensverhandlungen, die am 23. Mai in Kampala/Uganda beginnen sollen, hat die „Republik Biafra“ eine schwere Schlappe erlitten.

Karl-Heinz Janßen berichtet aus Athen:: Die Obristen in Zivil

Georgios Papadopoulos, Chef der griechischen Militärjunta, Premierminister, Verteidigungsminister und Informationsminister in einer Person, läßt sich eine Zigarette reichen, nimmt einen hastigen Zug, wartet die Übersetzung ab und beobachtet mit flinken Blicken die Wirkung seiner Worte auf die Journalistenrunde.

Peking ohne Phalanx

In seinem zweiten Asien-Buch untersucht Professor Bechtoldt die chinesische Revolutionsstrategie. Nach seiner Auffassung verfolgt sie das Ziel, die Kontinente Asien, Afrika und Lateinamerika gegen die Kontinente Europa (einschließlich Rußlands) und Nordamerika auszuspielen.

China im Jahr 2001

Han Suyin, Autorin zahlreicher bekannter Romane, beschreibt und erklärt in ihrem neuen Buch aus der Sicht einer Chinesin die politische, wirtschaftliche, soziale und ideologische Entwicklung der Volksrepublik China.

Subtiler Jargon

Nicht nur in der Bundesrepublik neigten in den vergangenen Jahren Politikwissenschaftler dazu, die Theorie der Demokratie auf das Problem der Stabilität westlicher politischer Systeme zu reduzieren.

Soziale Verteidigung

Die Verteidigungskonzeptionen des Atlantikpaktes und des Warschauer Paktes beruhen gleichermaßen auf dem Versuch, Blöcke von Territorialstaaten mit modernsten Waffensystemen zu verteidigen.

Aus der DDR: Positiver Held gesucht

er Minister lächelte. Ein Kulturfunktionär aus Eisleben hatte den Auftrag der Konferenzteilnehmer, die Bitte vorzutragen. „Wir haben in den vergangenen zwanzig Jahren zu wirtschaften gelernt, dann haben wir zu regieren gelernt, doch von Kultur haben wir alle – wenn wir ganz ehrlich sind – noch immer keine blasse Ahnung! Unsere Bitte, Genosse Gysi, geht dahin, daß Sie jetzt nochmals zwei Stunden über sozialistische Kulturpolitik und Kunst sprechen, wir lernen dann mehr.

Sie kannten keine „Exzellenzen“ mehr

In der weißgekalkten Halle der über 500 Jahre alten Antoniuskirche auf der Hildesheimer Dominsel hatte sich in der letzten Woche die „triumphierende“, die „leidende“ und die „streitende“ Kirche versammelt.

Ungiftig?

Frage: Sind Sie der Meinung, daß Thalidomid, ehe es vom 1. 9................................................................

Buh für Schuh

James Saunders hat eine Schlappe erlitten. Vor drei Jahren war der (1925 geborene) britische Dramatiker auf seinem ersten Höhepunkt angelangt: "Ein Duft von Blumen" wurde an rund zwanzig deutschen Theatern gespielt.

Harry Pross wird Ordinarius

Das dreijährige Interregnum am Institut für Publizistik der Freien Universität ging am 15. Mai nach dreiwöchigem Streik der Studenten und dreistündiger Diskussion der Engeren Fakultät zu Ende.

Spesen bei der Mistbeseitigung

Die „Open-End“-Diskussionen im Dritten Fernsehprogramm des Senders Freies Berlin, von Reinhard Lettau eingeführt und seit einiger Zeit unter der Ägide von Hans Werner Richter, haben an „Offenheit“ verloren – und im gleichen Maß an Interesse gewonnen.

Aufs falsche Roß gesetzt

Unter die Sünden, die der Kapitalismus auf sein Haupt geladen hat, muß man seit letzter Woche leider auch das erste Theaterstück von Gerhard Zwerenz rechnen.

Künstler bitten zur Kasse

Der Berufsverband bildender Künstler in Frankfurt gab in diesen Tagen die Gründung eines Vereins „Bild-Kunst“ bekannt, der die Rechte und Ansprüche bildender Künstler auf Bundesebene wahrnehmen und vertreten will.

Rolf Hochhuths Soldaten

Rolf Hochhuths „Soldaten“ wurden am 1. Mai zum erstenmal am Broadway aufgeführt, und in wenigstens einer Hinsicht ist das Stück bereits ein Erfolg.

Kunstkalender

Eine offizielle Repräsentation, 100 Werke aus den Jahren 1911 bis 1967 von 55 Künstlern, die Galleria Nazionale d’Arte Moderna in Rom hat die Auswahl getroffen, die in östlichen und westlichen Ländern Europas nicht nur generell für die italienische Kunst werben, sondern verbreitete Vorstellungen revidieren soll, daß sie sich nämlich vorwiegend im Schlepptau von Paris voranbewegt und nur ein regionales Echo auf die großen europäischen Stilentwürfe zu bieten habe.

ZEITMOSAIK

Der Marburger Professor für Politologie Abendroth soll während der Veranstaltung gegen die Notstandsgesetzgebung in Bonn gesagt haben: „Mit der Macht der illegalen Demokratie werden wir eines Tages die einzige Sprache sprechen, die Faschisten verstehen, nämlich die der physischen Gewalt.

Die 6 neuralgischen Punkte

Der bayerische Kultusminister Dr. Ludwig Huber hat in der ZEIT die sechs neuralgischen Punkte der deutschen Hochschulen noch einmal niedergeschrieben, die er im Bundestag am 7.

FILMTIPS

„Der Brief“, von Vlado Kristl. Nun irrlichtert er wieder durch unsere Kinos, dieser Film, der wie kein anderer seines Autors darauf angelegt ist, nicht in den Kinos zu reüssieren.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Als 1377 der französische Kleriker, Dichter und Komponist Guillaume de Machaut starb, endete eine Epoche, die, als ars nova bezeichnet, eine Verfeinerung der Rhythmik und des melodisch-linearen Ausdrucks, die exakte Notation dieser neuen rhythmischen Verhältnisse und eine mathematisch ausgeklügelte Binnenordnung der Stücke erreicht hatte.

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