H. R. Saarbrücken

Der Wirt hinter der Theke des „Café Restaurant Neue Mohr’sche Anlage“ in der Metzer Landstraße 137 in Saarbrücken, zweihundert Meter vom deutsch-französischen Grenzübergang „Goldene Bremm“ entfernt, stellte eifrig Belege aus. Er hatte seinen „Großverdienertag“ und verkaufte nicht nur Bier und Zigaretten, sondern auch Telephoneinheiten. Reporter und Korrespondenten drängten sich um das einzige Telephon weit und breit. Sie berichteten über einen jungen Mann und seine Freunde, die vor der Gaststätte auf der Straße saßen und den Verkehr blockierten: Über den rothaarigen Pariser Studenten Daniel Cohn-Bendit, umgeben von Mitgliedern des SDS und zahlreichen Studenten der saarländischen Unversität, aus Frankfurt am Main und dem benachbarten Frankreich.

Es war Freitag, der 24. Mai, 15.40 Uhr. Etwa 800 Studenten waren gerade von einem teach-in der Universität des Saarlandes gekommen. Dort hatten sie eine Stunde zuvor endgültig beschlossen, Cohn-Bendit den Weg in die Heimat über die Grenzstation „Goldene Bremm“ beim lothringischen Forbach freizukämpfen.

Aber guter Rat war teuer: Die Grenzstation glich einem Heerlager. Auf deutscher Seite hatten dreihundert Bereitschaftspolizisten Grenze und Zollstation abgesperrt, dazu Wasserwerfer, Hundeführer, berittene Polizei im Hintergrund. Fabrikneue Drahtverhaue erinnerten an „vergangene Zeiten“. Aber das alles war noch vergleichsweise harmlos.

Eine Mauer schwer bewaffneter Angehöriger der „Republikanischen Garde“, in dunklen Uniformen und Helmen, riegelten auf der anderen Seite die französische Grenze ab, mit Handfeuerwaffen respektablen Kalibers, Gasgranaten und grimmigen Gesichtern. Siebenhundert Nationalgardisten standen allein bei Forbach bereit, viele Hunderte im französischen Gebiet entlang der Grenze zum Saarland. Die Gerüchte, die unter den zweitausend Schaulustigen umgingen, klangen wahr: „Die Franzosen haben Schießbefehl.“ Dazu der Kommentar eines Geschäftsmannes aus Saarbrücken: „Die erinnern sich wohl an alte Zeiten: Über diese Grenze wollten schon andere ungebeten nach Paris.“

Um 16.20 Uhr begann dann der „Aufmarsch“ der Studenten mit roten Fahnen, einer Vietcongflagge, Transparenten und Plakaten, auf denen stand „Solidarité international“. An der Spitze marschierten Cohn-Bendit und Karl-Dietrich Wolff vom SDS-Bundesvorstand. Die „Internationale“ erklang und Sprechchöre: „Der Gaullismus führt zum Faschismus.“ Ein demonstrierender „Witzbold“ rief über das Megaphon: „Wir gehen jetzt ganz langsam bis zum Ende Deutschlands.“

Der Zug näherte sich dem ersten Hindernis. Die Absperrketten der saarländischen Polizei gingen auf Tuchfühlung. Studenten hielten Pässe und Personalausweise in die Höhe. Es gab Diskussionen zwischen jungen Polizisten und Studenten. Fragen an die Polizei: „Weshalb dürfen wir nicht nach Frankreich?“ Die Antworten: „Wir wollen nur verhindern, daß Demonstranten mit Gewalt die Grenze Frankreichs verletzen.“