Wenngleich uns scheint, daß die Rolle, die gegenwärtig der deutsch-französische Studentenrebell Daniel Cohn-Bendit spielt, ihm vornehmlich dank seines demagogischen Temperaments und seines Urtalentes zur Provokation zugefallen ist, bleibt doch wahr, daß er so schnell nicht aufhört, Symbolfigur der Unruhen zu sein, die Frankreich erschüttern. Überschätzt oder nicht: Jean-Paul Sartre, der ewig unbequeme Philosoph und Schriftsteller, hat ihn eines Gesprächs für würdig befunden, in dem er das Wort sprach: „die Welt, von der wir träumen“. Ein merkwürdiges „Interview“, das der jugendliche, ultralinke Feuerkopf dem berühmten Manne „gewährte“ Und dessen Antwort: Sympathie und sogar Ermunterung.

Jean-Paul Sartre: Im Zeitraum weniger Tage, ohne daß das Losungswort vom Generalstreik ausgegeben wurde, ist Frankreich praktisch paralysiert worden durch die Einstellung der Arbeit und die Besetzung der Fabriken. Alles das geschah, weil die Studenten sich als Herren der Straße im Quartier Latin erwiesen. Wie analysieren Sie diese Bewegung, die Sie selbst entfesselt haben? Wie weit kann sie gehen?

Daniel Cohn-Bendit: Sie hat ein Ausmaß genommen, das wir am Anfang nicht voraussehen konnten. Aber jetzt heißt unser Ziel: Umsturz des Regimes. Ob dieses Ziel erreicht wird, hängt freilich nicht von uns ab. Wäre es wirklich das Ziel auch der Kommunistischen Partei, der CGT (der kommunistisch beeinflußten Gewerkschaft) und der anderen Syndikate, so gäbe es kein Problem: Das Regime würde in 14 Tagen zu Fall kommen, weil es der Kraftprobe der Arbeiterorganisationen nichts entgegenzusetzen hat.

J.-P. S.: Im Augenblick herrscht offensichtlich ein Mißverhältnis zwischen dem massiven Charakter der Streikbewegung, die tatsächlich den direkten Kampf mit dem Regime aufnehmen könnte, und jenen Forderungen, die von den Gewerkschaften erhoben werden: Lohnerhöhung, Neuregelung der Arbeitszeit, Renten und so weiter ...

D. C.-B.: Es hat immer in Arbeiterkämpfen eine Kluft zwischen der Kraft der Aktion und den anfänglichen Forderungen gegeben. Es kann passieren, daß die Dynamik der Bewegung im Laufe des Kampfes zu einer Änderung der Forderungen führt. Ein Streik, der wegen eines begrenzten Zieles ausbricht, kann sich in eine Bewegung des Aufstandes verwandeln.

Gewisse Forderungen, die heute von den Arbeitern gestellt werden, gehen sehr weit: die 40-Stunden-Woche zum Beispiel und bei Renault der Mindestlohn von 1000 Francs im Monat. Die gaullistische Macht kann sie nicht akzeptieren, ohne vollständig ihr Gesicht zu verlieren. Hält sie aber durch, so verhärten sich die Fronten. Nehmen wir an, daß auch die Arbeiter durchhalten und daß das Regime fällt. Was geschieht? Die Linke kommt an die Macht. Dann hängt alles davon ab, was sie tut. Wenn sie wirklich das System ändert, – und ich gebe zu, daß ich daran zweifle –, so wird sie Gefolgschaft finden, und alles wird gut. Aber wenn wir – mit oder ohne die Kommunisten – eine Regierung à la Wilson bekommen, die nur Reformen, nur kleine Angleichungen vornimmt, so wird die extreme Linke verstärkt werden, die unablässig an der gesellschaftlichen Neuordnung von Grund auf arbeitet. Aber so weit sind wir noch nicht; es ist noch nicht einmal sicher, daß das Regime fällt.

J.-P. S.: Es gab in revolutionärer Situation Fälle, in denen eine Bewegung wie die Ihrige nicht haltmachte. Doch möglich ist auch, daß der Schwung plötzlich nachläßt. In solchem Falle müßte man versuchen, so weit wie möglich zu gehen, bevor das Haltesignal kommt. Wie können nach Ihrer Ansicht die unumstößlichen Resultate der gegenwärtigen Bewegung aussehen, wenn wir voraussetzen, daß sie bald haltmacht?