Ein Mann namens Eiffe

Hamburg

Eiffe ist lieb", stand am Briefkasten. Wer das las, hielt es für eine Variante des alten "Uwe ist doof". Nur wunderte sich, wer näher hinguckte, daß die Schrift nicht kindlich war. Jemand mit hübscher, ausgeschriebener Girlandenschrift hatte am Briefkasten "Eiffe" gepriesen. Vielleicht eine Oberschülerin, die in einen gewissen Eiffe verliebt war?

Sehr bald wurde klar, daß ein Mensch, der Eiffe hieß oder sich so nannte, in eigener Sache tätig war. Mit rotem und schwarzem. Filzschreiber kritzelte er in Hamburg wochenlang Signale für seine Mitbürger auf Plakat- und Hauswände, auf Briefkästen in vielen Stadtteilen, auf Verkehrsschilder, Anschlagsäulen und sogar aufs Rathaustor. "Eiffe, der Bär, kommt", "Eiffe trinkt auch Milch", "Eiffe liebt dich", "Eiffe verbessert die Welt" und manches andere, über Eiffes Mitteilungen lächelte man oder lachte. Es soll auch Leute gegeben haben, die sich darüber empörten.

Ein wenig unheimlich wurde die Sache dadurch, daß Eiffe anscheinend überall heimlich auftauchte, sogar in U-Bahnschächten und Tiefgaragen. Was er leistete, war eigentlich kaum noch zu schaffen. Tag und Nacht mußte der Mensch kritzelnd unterwegs sein.

Ziemlich bald – und leicht – war herauszufinden, wer Eiffe ist. Er ist ein Mann namens Eiffe, Peter-Ernst Eiffe, 26, aus Hamburg. Er hat einmal Betriebswirtschaft studiert und war später beim Statistischen Landesamt beschäftigt. "Bis vor einem Monat ungefähr", sagt sein damaliger Vorgesetzter, "ein hochintelligenter Bursche. Da er eine gute Vorbildung hat, dachten wir, daß er zu einer mittleren Führungskraft ausgebildet werden könnte."

Trotz Intelligenz und Vorbildung bekam Eiffe seinen Anstellungsvertrag nicht verlängert. Er hatte angefangen, sich merkwürdig zu benehmen. Das Bismarck-Bild, das er über seinem Arbeitsplatz aufhängte, störte noch nicht. Mehr schon die Aktbilder, die es ablösten. Aber dann gewöhnte Eiffe sich an, die Putzfrau morgens in französischer Sprache zu beschimpfen. Und das ging zu weit.

Anscheinend hat Eiffe sich erst nach seiner Entlassung auf das Kritzeln verlegt. Er konzentrierte sich – vielleicht in seinem Selbstbewußtsein verletzt – von nun an gänzlich auf Eiffe. "Eiffe läßt Ihnen ausrichten, daß der 10. Mai der erste Tag Eiffescher Zeitrechnung ist", teilte der Telephonkundendienst Leuten mit, die Eiffe zu Hause anrufen wollten. Eiffe hatte das Stadium, in dem er nur lieb oder ein Bär war, überwunden. "Eiffe will Bundeskanzler werden. Geht das?" schrieb er in einem U-Bahnhof der Innenstadt an die Wand. Einige ließen sich bei dieser Gelegenheit auf eine schriftliche Korrespondenz mit ihm ein. Einer schrieb "Idiot" unter Eiffes Frage, ein zweiter "Eben darum geht das".

Ein Mann namens Eiffe

Eiffe wuchs mit seinen höheren Zwecken. Er schaffte ein immer größeres Schreibpensum, obwohl die Sache für ihn nicht mehr ungefährlich war: Eiffe war wegen Sachbeschädigung angezeigt worden. "Eiffe sucht einen Freund" später in Riesenbuchstaben an eine Fußgängerbrücke geschrieben, zeigte, daß er des Alleinkritzelns müde war. Aber er hörte dennoch nicht auf.

Leider reichte das alles nicht aus, ihn zum Mann des Tages zu machen. Darum sann er auf einen ganz großen Clou. Der wurde am Wochenende gestartet: Mit seinem Auto fuhr Eiffe in die Wandelhalle des Hauptbahnhofs und machte sich dort daran, obszöne Sätze zu schreiben. Das ging zu weit. Die Polizei nahm ihn fest, führte ihn einem Amtsarzt vor, der Eiffe auf seinen Geisteszustand untersuchte. Dann wurde der Mann in eine Nervenklinik gesperrt. Größenwahn muß zwar nicht krankhaft sein – aber mancher ist durch ihn schon gewalttätig geworden.

Wer an Eiffes Wohnungstür klingelt, trifft vorläufig niemanden an. "Eiffe schafft ein befriedetes Deutschland" steht an der Tür, "Sokrates, Eiffe, Goethe" im Hausflur.

Ob Eiffe weiß, daß er in der k. u. k. Monarchie einen geistigen Vorfahren hatte? Ein Mann namens Kieselack schrieb damals in Österreich seinen Namen an steile Bergwände, auf Dächer und in andere Höhen. Eine Anekdote berichtet, daß eines Tages der Kaiser Franz Josef den Mann zu sich bat, um ihm ins Gewissen zu reden. Als er den Kaiser, scheinbar geläutert, verlassen hatte, stand an dessen Schreibtisch, mit Kreide geschrieben, "Kieselack".

Vielleicht schreibt Eiffe jetzt seinen Namen auf Wärterkittel und an Krankenhauswände?

Ruth Herrmann,