Von Heinrich Voigtei

Dr. Voigtei ist Leiter des ersten niedersächsischen Ganztagsgymnasiums in Barsinghausen.

Interessenvertretung – das war noch im vorigen Jahr als Bezeichnung der schulinternen, organisierten Schüleraktivitäten, die wir als SMV (Schülermitverwaltung) kennen, nahezu ein Schimpfwort. Vor einigen Wochen sprach nun der junge Leiter einer katholischen Gesamtschule vor Kollegen in Frankfurt am Main von der Konfliktsituation als der selbstverständlichen Voraussetzung dessen, was wir noch immer mit der gleichen Signatur bezeichnen. Damit ist eine Veränderung angedeutet, die tief in das gesellschaftliche Leben zurückweist.

Die Frage liegt auf der Hand: Wie weit werden die Fünfzehn- bis Zwanzigjährigen auf der Welle des studentischen Protestes und der gewerkschaftlichen Ansprüche mitgetragen? Werden sie nur draußen demonstrieren gegen Fahrpreiserhöhungen, Notstandsgesetze, den Krieg in Vietnam, oder werden sie, wie die Studenten die Universität, in breiter Front das Gymnasium zum Ort und zum Gegenstand des Protestes machen? Auch dafür gibt es bereits Beispiele.

Kein Zweifel, die Forderung nach erweiterter und wirksamerer Mitbestimmung wird vor den Schulen und auch vor den Konferenzzimmern nicht haltmachen. Schulleiter, Schulaufsichtsbeamte und Minister kennen Einzelfälle genug; aber es wäre falsch, wollte man sagen, daß sie lediglich ängstlich registriert werden.

In Hessen und Niedersachsen werden zur Zeit Neufassungen der Erlasse über die SMV vorbereitet, andere Bundesländer werden folgen. Den zuständigen Stellen geht es dabei sicherlich nicht nur um die Abdämmung eines unliebsamen Trends, sie sind vielmehr bemüht, Schülermitverwaltung und -mitverantwortung endlich als Kernzelle politischen Trainings in der bestehenden Schulorganisation anzusiedeln.

Gerade diese Absicht aber muß bedenklich stimmen, wenn sie nicht ein Umdenken bewirkt, das die eigenen Voraussetzungen in Frage stellt. Die Geschichte der Schülermitverwaltung weist im einzelnen beachtliche Leistungen auf, im ganzen aber eine eher betrübliche Bilanz.