Von Ernst Weisenfeld

Man wird eines Tages ergründen müssen, wieviel wirkliches revolutionäres Explosionsgemisch zu den Maiunruhen in Frankreich geführt hat und wieviel Massenhysterie daran beteiligt war. Vor allem: Welche Rolle hat die Kommunistische Partei gespielt?

Der Wahlkampf wird von General de Gaulle gegen das Gespenst der Machtergreifung durch „den totalitären Kommunismus“ geführt. Nur wer sehr aufmerksam seinen Aufruf liest, erfährt, daß dieses Gespenst zumindest ein Doppelgesicht hat: „Es sind die Einschüchterung, die Vergiftung und die Tyrannei, ausgeübt von organisierten und folglich von leichter Hand vorbereiteten Gruppen und von einer Partei, die ein totalitäres Unternehmen ist, auch wenn sie in dieser Hinsicht schon Rivalen hat.“ Mit dem Wörtchen „und“ verbindet der General die Kommunistische Partei und ihre totalitären Rivalen. Er verbindet sie in jener vereinfachenden Weise, in der man erfolgreiche Wahlkämpfe führt.

Dabei steht fest: Die Kommunistische Partei und die mit ihr verbundene CGT-Gewerkschaft haben die spontane Streikbewegung zunächst durch ausschließlich soziale Forderungen zu kanalisieren versucht; sie distanzierten sich zugleich von den Sozialrevolutionären Gruppen, der Studenten, die den Aufruhr entfacht hatten. Die altbekannten Kommunisten unter den Studenten und Professoren waren von den neuen Revolutionären an die Wand gespielt worden. Nur mühsam konnten sie ihren Platz in dem revolutionären Geschehen behaupten.

Erst als General de Gaulle mit seiner Ansprache vom 24. Mai, in der er den Volksentscheid für den 16. Juni ankündigte, überhaupt kein Echo bei den Streikenden fand, als die jungen Arbeiter wieder zu den Studentendemonstrationen liefen, als die Ergebnisse der ersten Lohnverhandlungen von den Streikenden selbst zurückgewiesen wurden, erst da änderte die Kommunistische Partei ihre Haltung. Sie forderte am 27. Mai eine „Volksregierung“ und „die Ablösung der gaullistischen Macht“. Am 25. Mai hatte die „Prawda“ zum ersten Male die Innenpolitik de Gaulles scharf kritisiert. In Peking hatten schon vom 21. bis 24. Mai siebzehn Millionen Chinesen bei großen Kundgebungen in vielen Städten „für die unterdrückten französischen Studenten und Arbeiter“ und sowohl gegen General de Gaulle wie „gegen die Revisionisten und Verräter“ demonstriert.

Die Auseinandersetzung auf der radikalen Linken Frankreichs war nun nicht mehr zu übersehen. Es gab mehrere Rücktritte aus regionalen und zentralen Führungsgremien der CGT. Am auffälligsten war der von André Barjonet, langjähriger Leiter des „Studienzentrums für wirtschaftliche und soziale Fragen“ seiner Organisation und auch sonst einer ihrer führenden Männer. Er beschuldigte die CGT, die Zeichen der Zeit bewußt zu übersehen; sonst wäre es möglich, „einen Schritt zum Sozialismus zu tun oder wenigstens die Niederschlagung des gaullistischen Regimes zu erreichen“.

Ein Rücktritt anderer Art war der von Alain Geismar, bisher Generalsekretär der linksorientierten Gewerkschaft des Höheren Bildungsweges. Ihre Mitglieder, vor allem die kommunistischen, hatten diesen Rücktritt erzwungen, weil sich Geismar immer an der Seite, wenn nicht an der Spitze der Sozialrevolutionären Studentengruppen befand. Barjonet und andere gaben auch einer großen Studenten- und Arbeiterkundgebung am 27. Mai einen sozialrevolutionären Charakter mit einem gegen die KP-Führung gerichteten Unterton.