Klagen eines modernen Waldhüters

Von Ruth Herrmann

Auch ausgestopft wirkt der Seeadler, Modell des deutschen Wappentieres, noch gefährlich und majestätisch. Doch mit den letzten deutschen Seeadlern ist Schlimmes passiert.

Sechs Paare dieser aussterbenden Tierart lebten bis vor kurzem noch im Westen – und zwar in der Bundesrepublik, in Schleswig-Holstein. Zwei Paare zogen es vor, nach Norden zu entfliehen, als nach den Frühjahrsstürmen, die viele Bäume entwurzelt hatten, Traktoren und Fuhrwerke in den Wald kamen, um das Holz zu bergen. Zwei Seeadlerpaaren stahlen Naturinteressenten die Hier. Da waren’s nur noch zwei. Wenn sie in Ruhe die Eier ausbrüten können, werden es vielleicht wieder einige mehr. Viele können es kaum werden; denn ein Seeadlerweibchen legt höchstens zwei Eier, und das nicht einmal jedes Jahr.

Der Zorn der Naturschützer ist gewaltig, besonders der des Landschaftsbiologen Dr. Brüll, der seit sechzehn Jahren in Wolfsberg bei Hartenholm in Schleswig-Holstein die „Forschungsstation Wild, Wald und Flur“ betreibt. Der Frevel hat die Hierarchie, als die er die Natur sieht, an ihrer höchsten Spitze getroffen. „Es laufen überhaupt ständig viel zu viele Leute im Wald umher“, sagt er, „auch solche, die Wissenschaftler und Naturliebhaber sind oder sich dafür halten. Aus den lauenburgischen Wäldern haben die Ornithologen ja die Adler glücklich in die Ostzone hinwegbeobachtet. Weg sind sie. Das kann ruhig einmal gesagt werden.“

Die Forschungsstation wird vom Landesjagdverband unterhalten. Jagd und Naturschutz sind, wie er hier verstanden wird, dasselbe. „Der Jäger muß heute die Funktionen der großen Beutegreifer übernehmen, die wir aus unserer Zivilisationslandschaft ja ’rausgeschafft haben. Was früher Luchs, Wolf, Vielfraß, Adler und Uhu regulierten, muß heute der Jäger tun.“

Die Forschungsstation ist ideal untergebracht, mitten im Wald in den Gebäuden eines früheren Gutes. Romantisch ist nur ihre Lage. Was hier betrieben wird, ist gleich weit entfernt von romantischer Naturschwärmerei wie von sentimentalem Tierschützertum. Kein Hauch von Löns.