Von Heinz Piontek

Wolken ist kein unbeschriebenes Blatt. Er hat zwei Gedichtbände und zwei Romane veröffentlicht, Proben seines Werkes stehen in Dutzenden von Anthologien. Sonderbar, daß der sonst so gewissenhafte Hanser Verlag, der von jetzt an das Werk des annähernd Vierzigjährigen betreut, in den bibliographischen Angaben die Anfänge dieses Autors unterschlägt. Ein ähnlicher Fall wurde kürzlich im Literaturteil der ZEIT angeprangert. Es wird hoffentlich nicht Mode, Schriftsteller bei Verlagswechseln durch Kupierung der Bibliographie in den Stand der Unschuld zurückzuversetzen. Nicht nur im Leben kommt man reparierter Jungfräulichkeit auf die Schliche.

Was Wolken betrifft, so erscheint es geradezu töricht, daß sein neuer Verlag einen hochbegabten ersten Band wie die „Halblaute Einfahrt“ unter den Tisch fallen läßt. Damit schadet er nicht bloß der Legitimation eines Poeten, er erschwert auch die Klassifizierung; es ist keineswegs nur für Philologen interessant zu wissen, ob es sich um den zweiten oder dritten Gedichtband eines Autors handelt. Zwei Bände Lyrik: das kann durchaus noch Strohfeuer sein, Ergebnis schönen jugendlichen Aufbrausens. Erst der dritte ist bekanntlich die Klippe. Er liegt also nunmehr vor –

Karl Alfred Wolken: „Klare Verhältnisse“; Carl Hanser Verlag, München; 64 S., 12,80 DM.

Er hat nicht mehr den kräftigen Schmelz und die rhythmische Eindringlichkeit des Erstlings, den sonoren Ton von der Wasserkante, er ist verhaltener, spröder, manchmal rauh bis zur Holprigkeit. Wolken scheint gewillt, das „Schöne“ nur noch unter ganz bestimmten Bedingungen zuzulassen. Was in seinem zweiten Band, dem „Wortwechsel“, energisch begann, das wird nun fortgesetzt: Eindämmung des Vokabularen Aufwands und Formulierungsrausches, weitgehende Trockenlegung des barocken Bilderflusses, Intensivierung der Umgangssprache, Austausch der Unbekümmertheit gegen Ironie. Wolken kann jetzt beispielsweise so einsetzen: „Heute war ein schlechter Tag / Ich habe mir die Haare schneiden lassen.“

Der erste unter den Leitsternen dieses Lyrikers war der B. B. der „Hauspostille“; in letzter Zeit scheint Wolken sich mehr mit dem neuen Eich, mit Grass, Dylan Thomas oder Jossif Brodskij produktiv beschäftigt zu haben.

Die Spuren hiervon fallen kaum ins Gewicht, jedoch muß man Wolken eine gewisse Laxheit im Gebrauch von Zitaten und Halbzitaten ankreiden. Er schreibt: „Aber leben muß ich unterm Jägermond der Mörder ...“ Fällt jedem, der diesen Vers liest, auf Anhieb ein, daß hier der Titel eines bei uns vor Jahren erschienenen irischen Romans verwendet worden ist („Unterm Jägermond“)? Er schreibt: „Welche arme Rolle wir im weiten Raum der Zeit gespielt“ – und zitiert damit, ohne es kenntlich zu machen, anderthalb Verse aus Shakespeares „Wintermärchen“ („...welche Rolle / wir in dem weiten Raum der Zeit gespielt“). Einmal heißt es bei ihm: „Aus dem Stand der Gnade gekippt in wiehernde Luft...“ Bei Dylan Thomas lesen wir: „In die Mitte der Gnade, aus dem wiehernden Stall.“ Ich meine, daß man derartige Formulierungen nicht als allgemein bekannte Zitate behandeln und ungekennzeichnet seinen Texten einverleiben darf. Doch auch bei Stellen, die jeder kennt, wie etwa Brechts berühmtem Schlußvers „Feuersbrünste / gehen dem Sohn voraus“, empfindet man Abwandlungen ärgerlich; Wolken am Schluß eines seiner Stücke: „Verhöre in Saigon / gingen der Erschießung voraus.“