Von François Bondy

Die Originalität von Frankreichs reformistischer Linken liegt heute darin, daß sie rechts und links von der Kommunistischen Partei zu finden ist. Nach rechts hin – um diese problematischen, aber immer noch bequemen Kategorien zu gebrauchen – reicht die Verbindung bis zu den bürgerlichen Partnern der „Föderation“, aber potentiell darüber hinaus bis zum Zentrum, nach links hin zur zweitgrößten Gewerkschaftszentrale, der CFDT mit 600 000 Mitgliedern, und bis zu einem beträchtlichen Teil der aktivierten Studenten.

Für diese Doppelstellung ist Pierre Mendès-France – P. M. F., wie er in Frankreich genannt wird – charakteristisch. Obgleich linksbürgerlicher Politiker und Nichtmarxist, gehört er zur PSU (Parti socialiste unifie), die ihrerseits einen Teil der „Chinesen“ und der „enragés“ erreicht. Persönlich hat er ein Vertrauenskapital bis weit in die Mitte und zu einem Teil der Gaullisten hin. Mitten in der Krise hat ihn Alfred Fabre Luce, ein Publizist, der keineswegs links steht, als den besten Kandidaten für das Elysée empfohlen.

Damit ist die demokratische Linke noch nicht scharf umrissen, doch wenigstens ist damit bezeichnet, was in diesem „Mai der Blüten und der Metamorphosen“ (um ein Gedicht Aragons aus den Kriegsjahren zu zitieren) jetzt das Interessanteste an ihr gewesen ist.

Parlamentarisch ist diese Linke identisch mit der „Föderation“, die halb ein Wahlkartell ist und halb eine „Partei im Werden“. Zu ihr gehören neben den Sozialisten (SFIO) die Radikalsozialisten, Mitterands kleine Partei UDSR und die Klubs der „Convention“. Die Federation hat eine lose Struktur, aber sie hat einen Führer: François Mitterand, der sich selber durch seine Pressekonferenz vom 9. September 1965, in der er sich als Anwärter auf die Präsidentschaft vorstellte, diese Spitzenfunktion geschaffen hat.

Dem war der mißglückte Versuch mit Gaston Defferre vorangegangen, dem sozialistischen Bürgermeister von Marseille, der zugleich für die Wähler der christlich-demokratischen Mitte – damals noch Mouvement Republicain Populaire, jetzt zur Hauptsache in Progrès et Democratie Moderne gesammelt – attraktiv sein konnte. Die Wochenzeitung Express hatte Defferre als „Monsieur X“ aufgebaut. Ihn unterstützte auch der einflußreichste Intellektuellen- und Kaderklub Jean Moulin. Aber Guy Mollet, Generalsekretär der SFIO, hat dieser Kandidatur nach Kräften entgegengearbeitet – im Gefühl, daß der Anwärter auf das höchste Amt mehr Gewicht in der Partei haben würde als der Generalsekretär. Ein Kandidat, der nicht der eigenen Partei angehörte, sondern einer kleinen parlamentarischen Gruppe, war ihm lieber. Gaston Defferre zog schließlich seine Kandidatur zurück. Ohnehin war seine Chance gering, die kommunistischen Wähler zu gewinnen.

Mitterand hingegen war auch den Kommunisten als Kandidat genehm. Immerhin hat er dann im ersten Wahlgang um das Elysee nur 32 Prozent der Stimmen gesammelt, also viel weniger als die beiden Linksparteien sonst in Parlamentswahlen. Seither hat Mitterand zweierlei versucht: der Federation ein Gerüst zu geben und ihr Bündnis mit der KP auszubauen. Dieses Bündnis hat sich voriges Jahr in den Wahlen zur Nationalversammlung im zweiten Wahlgang gut bewährt und die Basis der gaullistischen Mehrheit überraschend geschmälert. Auch diesmal wird es gelten – nach dem Willen der KP für den zweiten, aber nicht für den ersten Wahlgang.