Von Wolfgang Krüger

Wahlkampfleiter Klaus Bungert ist empört: „Damit wollen sie uns den Genickschuß verpassen!“ Sie – das ist die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG), uns – das ist der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Anlaß dieses Ausrufs aus der Terminologie des Partisanenkampfes sind die Sozialwahlen.

Im Kampf um die Stimmen der Angestellten hatte die DAG sich zu der Behauptung verstiegen, der DGB wolle „in die Taschen der Angestellten greifen“, was die Mannen im Düsseldorfer Hans-Böckler-Haus wiederum mit Entrüstung zurückwiesen.

Im neuen Haus des Deutschen Gewerkschaftsbundes ist man ob der Sozialwahlen sowieso verdrossen. Allen Protesten und Vorstellungen des DGB zum Trotz ließ in der vergangenen Woche der Bundestag die Notstandsgesetze passieren; und Anfang nächster Woche werden Presse, Rundfunk und Fernsehen die Nachricht bringen, daß der große Deutsche Gewerkschaftsbund abermals eine Schlappe erlitten hat, diesmal auf einem Gebiet, das seit eh und je zu den ureigensten Aktionsfeldern gewerkschaftlichen Betätigungsdranges gehört.

Vom 6. bis 8. Juni finden in der Bundesrepublik Wahlen zu den Selbstverwaltungskörperschaften der verschiedenen Zweige und Träger der Sozialversicherung statt (siehe Kasten auf dieser Seite). Schon dreimal nach dem Kriege wurden diese Wahlen, in einem regelmäßigen Turnus von fünf bis sechs Jahren, durchgeführt – und vom DGB, gemessen an seiner Mitgliederstärke, ebenso regelmäßig verloren.

Bei der letzten Wahl im Jahre 1962 beispielsweise wurden knapp zwei Millionen Stimmen abgegeben. Davon entfielen auf den DGB – beziehungsweise auf die ihm angeschlossenen Industriegewerkschaften – mit 6,5 Millionen Mitgliedern nur 0,4 Millionen Stimmen, während sich für die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft, die eine Mitgliederstärke von nur knapp 480 000 aufweist, rund eine Million aussprachen.

Der Rest verteilte sich auf etwa ein halbes Dutzend „berufsständischer Splittergewerkschaften“ (so genannt und apostrophiert vom DGB) –, von denen wiederum die meisten, wie etwa der Deutsche Handels und Industrieangestellten-Verband (62 000), zum Christlichen Gewerkschaftsbund (100 000) gehören – und auf sogenannte „freie (gewerkschaftsunabhängige) Listen“.