Von Hellmuth Karasek

Berlin sah aus, als wenn die Welt voll Turner war. Zwar drohten am Anfang des diesjährigen Theatertreffens die Proteste gegen die Notstandsgesetze auch das Bühnentreiben zu ramponieren – einmal, weil sich das Ungenügen am abendlichen Glanz beim Schillertheater ganz direkt entlud, wobei Scheiben zersplitterten und Polizisten ihre Pistolen zogen, zum andern, weil überhaupt in den Tagen der Notstandsdebatten Theater ein bißchen hilflos, ohnmächtig und weltfern wirkte, als Instrument eben, das nicht an den Schlaf der Welt rührt, als „Theatertheater“, das alle Anspüche an das „Straßentheater“ abgegeben hatte. Aber zu Pfingsten war dann Berlin voll Muskelkraft und Leibchenvertrauen.

Dazwischen also Gastspiele aus München und Wuppertal, aus Stuttgart, Bremen, Hamburg und Essen. Die Kritiker-Jury hatte zwölf Aufführungen als die wichtigsten des Jahres ausgewählt, neun davon waren in Berlin zu sehen – und als Henning Rischbieter die Entscheidung der Jury bei der Eröffnung begründete, machte er darauf aufmerksam, nachdem er bange Fragen über die momentane Wirksamkeit des Theaterspielens offen gelassen hatte, daß immerhin drei der neun Aufführungen sich ganz direkt mit dem Thema der Revolution auseinandersetzten. Nämlich Babels „Marija“, Büchners „Danton“ und Genets „Wände“. Zwei dieser Revolutionsstücke habe ich gesehen, über das dritte, Genets „Wände“, war in Berlin nicht viel Gutes zu hören und zu lesen.

Die Stuttgarter Aufführung der „Marija“ von Isaac Babel offenbarte ein gewisses Dilemma. Das Stück, das die Oktoberrevolution in den Opfern spiegelt, das den Untergang einer zum Untergehen verurteilten Schicht vorführt, wobei es den Gestalten eine tschechowsche Gerechtigkeit angedeihen läßt, ist für ein russisches Publikum gemeint (das das Stück übrigens nie zu sehen bekam, nachdem der Autor ein Opfer des Stalinismus wurde). Diesem rechnet es unter anderem auch den Preis vor, der für die Etablierung der Sowjetmacht zu zahlen war. Vor einem westlichen Publikum jedoch kann es sich zur Warnung vor der Gesellschaft verwandeln, in der es geschrieben wurde.

Sieben Bilder lang waltet in Peter Palitzschs kühl-genauer Aufführung die Elegie, die Trauer über die Opfer, über die die Zeit hinwegrollt. Nur das Schlußbild deutet mit ein paar dünnen Strichen an, wozu dieser Preis entrichtet wurde: In die Wohnung des Generals zieht jetzt ein junges Arbeiterehepaar – und es ist einer der überzeugendsten Momente der Aufführung, wie sich die schwangere, junge Frau (Rita Leska) in der neuen ungewohnten Umgebung zurechtzutasten versucht. So sehr es aber insgesamt der Aufführung zugute kommt, daß Palitzsch für das Publikum keine Vorentscheidung trifft, so sehr wird das Stück dadurch eben für uns zu einem Tschechow-Modell, zu einer Welt, die einen historischen Augenblick festhält und bei sich selbst beläßt. Die Revolution wird zum Thema, aber nicht zum Impetus der Aufführung.

Aus ganz anderen Gründen scheidet der „Danton“ des Schillertheaters aus jeglicher Überlegung über die zuschauerbewegende Macht des Theaters aus. Abgesehen davon, daß das Schillertheater zum Theatertreffen nur die zweite Garnitur als Besetzung aufbot (die noch dazu spielte, als wäre sie die dritte Garnitur), ist diese Inszenierung Liviu Ciuleis geeignet, alle schrecklichen Vorstellungen, die sich Theatergegner vom heutigen Stand des Theaterspielens machen, vollauf zu bestätigen. Daß dieser Danton in das Theatertreffen geraten konnte, läßt sich nur aus irgendwelchen „Berlin-bleibt-Berlin“-Gründen und „Das Schiller-Theater-muß-dabei-sein“-Vorwänden erklären.

Das Bühnenbild nahm alle kunstgewerblichen Unsitten auf, die zur Zeit im Schwange sind. Als Ort der Handlung erschien ein Nirwana mit „realistischen“ Knusperhäuschen-Versatzstücken und symbolischem Blech, so daß es kein Wunder war, wenn die Schauspieler ab und zu aus Versehen durch imaginäre Wände schritten, weil die Regie in jedem Augenblick vergaß, wie sie Realität vorher etabliert hatte. Das Volk wirkte wie ein schlechtgeschminkter Opernchor, der kräftig brüllte – es ist ja Revolution –, Einzelfiguren des Volkes schienen Weihnachtsmärchen-Aufführungen stracks entstiegen. Da die größeren Rollen damit beschäftigt wurden, daß sie sinn- und zwecklos ihre Sitzgelegenheiten hin und her trugen, zerdonnerten sie auch zwangsläufig Büchners Text. Typisch für die falsche Effekthascherei der Aufführung war, daß der Regisseur für die Guillotinierung plötzlich das Licht abdrehte, damit die Guillotine als Photoblitz aufzucken konnte. Da Licht ja auf der Bühne etwas bedeutet, muß man also annehmen, es sei bei Dantons Hinrichtung in Paris eine Sonnenfinsternis ausgebrochen.