Über die Hintergründe der kommunistischen Politik, 1929-1933 schweigen sich die Historiker in der Deutschen Demokratischen Republik weitgehend aus. Sie lassen nur in Ausnahmefällen durchblicken, daß diese Politik von der Komintern und vor allem von Stalin bestimmt wurde. Beispielsweise wird erstmals näher auf den Volksentscheid von 1931 eingegangen, den die Kommunisten zusammen mit den Nazis und den Deutschnationalen gegen die sozialdemokratisch geleitete preußische Regierung inszenierten. Noch in der Erstauflage des „Grundrisses“ war der Volksentscheid mit keinem Wort erwähnt worden. In Band vier der „Geschichte“ wird bestätigt, daß die kommunistische Führung zunächst das Zusammenwirken mit den Nazis ablehnte, aber dann von Moskau zu diesem Schritt gedrängt wurde. Damit gibt auch die Einheitspartei zu, daß wesentliche Entscheidungen der deutschkommunistischen Politik in Moskau gefällt wurden. Selbst wider besseres Wissen unterwarf sich die Parteispitze den Anordnungen Stalins. Das Eingeständnis dieser Tatsache ist ein erstaunlicher Fortschritt in der Geschichtsschreibung der Einheitspartei.

Recht schwach geraten ist Band fünf der „Geschichte“, wenn man bedenkt, daß der illegale Widerstand der Kommunisten gegen Hitler die Möglichkeit geboten hätte, ein Hohelied der Bewegung zu schreiben. Schließlich hat die Partei nach 1933 den konsequentesten Kampf gegen das Naziregime geführt und die meisten Blutopfer gebracht. In der „Geschichte“ wird aber nur kurz erwähnt, daß deutsche Kommunisten, Emigranten aus Hitler-Deutschland, Opfer der Stalinschen Säuberung 1936-1938 geworden sind. Keine Namen, kein Wort darüber, daß unter Stalin sogar mehr Spitzenfunktionäre ermordet wurden als unter Hitler: von den 43 Führern der Kommunisten (37 Mitglieder und 6 Kandidaten des Politbüros zwischen 1920 und 1933) kamen in der Sowjetunion sieben ums Leben (die fünf Mitglieder Eberlein, Flieg, Remmele, Schubert, Schulte und die Kandidaten Neumann und Süßkind), in Deutschland vier (die Mitglieder Thälmann, Schehr, Schneller und Scholem – letzterer war allerdings bereits 1926 aus der Partei ausgeschlossen worden). Es ist bezeichnend für die Geschichtsschreibung der Einheitspartei, daß sie den Terror Stalins zu beschönigen sucht und diese von ihr unbewältigte Vergangenheit vertuschen will.

Die Methoden der Verdrängung sind recht eigenartig: Geburts- und Sterbejahr der erwähnten Personen sind im Namensregister der Erstauflage der Bände 3-5 angegeben, jedoch bei den Funktionären, die in den Stalinschen Säuberungen umkamen, sucht man das Sterbejahr vergebens. In einer früheren Rezension fragte ich, ob die Partei etwa befürchte, die „Häufung des Sterbejahres 1937“ könne unliebsame Fragen wecken. Darauf wurden in den späteren Bindequoten der gleichen Auflage bei einer Reihe der in den Säuberungen Umgekommenen stillschweigend die Sterbedaten eingesetzt, ohne den Nachtrag anzumerken. Auch das ist ein Novum: Die gleiche Auflage eines Werkes enthält unterschiedliche Angaben.

Wie die gegenwärtige Geschichtsschreibung der Einheitspartei über den deutschen Kommunismus überhaupt, so hinterläßt gerade auch die „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ einen zwiespältigen Eindruck. Die Parteihistoriker haben sich zwar vom Stalinismus gelöst, ihn aber noch nicht überwunden. Dennoch kann die Bedeutung der acht Geschichtsbände gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Nach Angaben des führenden Mitverfassers Lothar Berthold sind bisher 150 000 Exemplare und über 800 000 Sonderausgaben verbreitet worden, insgesamt liegt eine „Auflage von rund einer Million Exemplaren“ vor. Schon allein daran ist zu ermessen, wieviel Menschen in Zukunft ihr historisches Bild von der deutschen Arbeiterbewegung und dem deutschen Kommunismus aus diesem Werk beziehen werden.

Als wichtige Ergänzung der achtbändigen „Geschichte“ ist zu nennen die –

„Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung; Chronik“; Hrsg. Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands; Dietz Verlag, Berlin (Ost); Teil I, 1965; 366 Seiten, 7,50 M. Teil II, 1966; 552 Seiten, 10,50 M. Teil III, 1967; 863 Seiten, 12,50 M.

Eine solche „Chronik“ ist schon wegen der gedrängten Form wenig geeignet für penetrante Parteilichkeit. Die vorliegende Veröffentlichung ist denn auch eine nützliche Zusammenstellung wesentlicher Daten und Fakten der deutschen Arbeiterbewegung geworden. Im ersten Band, der bis 1917 reicht, findet man zum Beispiel informative’Berichte über alle sozialdemokratischen Parteitage und Gewerkschaftskongresse. Der zweite Teil (1917–1945) berichtet vor allem über den Kommunismus in Deutschland; die kommunistischen Parteitage und die kommunistischen Aktivitäten sind in chronologischer Kürze festgehalten. Erstmals veröffentlichte die Einheitspartei in diesem Band auch die Namen sämtlicher Mitglieder der kommunistischen Führungsgremien (Zentralkomitee oder Zentrale), die auf den Parteitagen während der Weimarer Republik gewählt wurden. Die „Chronik“ ist nicht nur ein Hilfsmittel für den Historiker, sie kann trotz einer gewissen Einseitigkeit jedem an der Geschichte des Kommunismus Interessierten wertvolle Auskünfte vermitteln.