Auf dem Höhepunkt der französischen Revolution, am Mittwoch voriger Woche, wußte die 50-Millionen-Nation nicht, wo ihr der Kopf stand. Staatsoberhaupt de Gaulle hatte überraschend eine Kabinettssitzung abgesagt und sich für sieben Stunden unsichtbar gemacht.

Während in Paris bereits wilde Gerüchte über einen bevorstehenden Rücktritt des Generals kursierten, schmiedete der Präsident in aller Stille seine Ränke. Per Hubschrauber und Präsidenten-Jet reiste er – anstatt auf seinen Landsitz „Colombey les deux Eglises“ – zunächst nach Mülhausen/Elsaß, dann nach Baden-Baden, um sich der Loyalität seiner Generale zu versichern. Auf dem Flugplatz Baden-Oos schwor ihm der Oberbefehlshaber der 70 000 französischen Soldaten in Deutschland, General Massu, die Treue – derselbe Massu, dessen Armeeputsch in Algier 1958 de Gaulle den Weg ins Elysee geebnet hatte.

Mit der Armee im Rücken holte de Gaulle am nächsten Tag zum entscheidenden Schlag gegen die machtbereite Kommunistische Partei, die streikenden Gewerkschaften und die rebellierenden Studenten aus. Am Donnerstag verkündete er – nur über Radio, da streikende Fernsehtechniker ihm den Strom sperrten:

  • das für den 16. Juni vorgesehene Referendum über eine Reform von Wirtschaft, Verwaltung und Erziehungswesen wird auf unbestimmte Zeit verschoben;
  • die Nationalversammlung wird sofort aufgelöst, Neuwahlen finden am 23. und 30. Juni statt;
  • die Regierung wird umgebildet, ohne daß Premierminister Pompidou gehen muß;

Die massive Kampfansage des 77jährigen Generals („Unter den gegenwärtigen Umständen werde ich mich nicht zurückziehen. Ich habe ein Mandat des Volkes. Ich werde es ausüben.“) traf die Linksopposition in einem Moment des Zauderns.

Noch am Wochenende hatten sich die Gewerkschaften in den Verhandlungen mit Staat und Arbeitgebern durchgesetzt. Ergebnis: 1. Erhöhung der Minimumlöhne um 35 Prozent, der übrigen Löhne um 10 Prozent; 2. Verkürzung der wöchentlichen Arbeitsdauer bis 1970 von 48 auf 46 Stunden; 3. Besserstellung der Gewerkschaften in den Betrieben; 4. Reform der Sozialversicherung durch Herabsetzung der Eigenbeteiligung; 5. Fünfzigprozentige Lohnerstattung – für alle Streiktage. Doch überall im Lande lehnten die Arbeiter den Kompromiß ab, die Gewerkschaften drohten von einer Grundwelle des sozialen Protests überrollt zu werden. In den Hauptquartieren der Kommunistischen Partei, der Linksföderation und der Vereinigten Sozialistischen Partei (PSU) bereitete man sich auf die Machtübernahme an der Spitze der sozialen Bewegung vor.

Während der frühere Permierminister Mendès-France (PSU) noch zögerte, als Führer einer vielleicht zu einenden Linken und Mitte gegen de Gaulle anzutreten, griff Mitterand (Linksföderation) am Dienstag frontal an: Statt eines Referendums forderte er die Neuwahl des Parlaments und des Präsidenten und bot sich selbst als Kandidaten für das höchste Staatsamt. Außerdem offerierte er eine Übergangsregierung, deren Chef Mendès-France werden könne.