Von Georges-Louis Puech

Wieder streikten Millionen französischer Arbeiter. Diesmal galt ihr Protest dem Regime des Generals de Gaulle. Kommunisten, Sozialisten und Gewerkschaften haben sich im Kampf gegen den General verbündet.

Durch das Bündnis zwischen Gewerkschaften, Sozialisten und Kommunisten wird in Frankreich wieder einmal der Geist der Volksfront beschworen. Zwar ist heute die Situation ganz anders als in den Jahren 1935 und 1936. Weder gibt es heute in Europa einen Hitler, noch droht ein Krieg, und geschossen wird nur „hinten weit in der Türkei“, die diesmal Vietnam heißt. Es droht auch keine internationale Wirtschaftskrise, die mit den dreißiger Jahren vergleichbar wäre. Trotzdem drängt sich der Vergleich mit der Zeit der Volksfront auf.

Heute wie damals rebellieren die Franzosen, insbesondere die französischen Arbeiter, gegen die Regierung.

Damals, im Jahre 1934, gab es in Frankreich 500 000 bis 600 000 Arbeitslose. Heute sind es 600 000 bis 800 000. Durch Steuererhöhungen in den Jahren 1934 und 1935 waren die Gehälter der Arbeiter und Angestellten um 13 bis 17 Prozent reduziert worden. Damals versuchte die Regierung, die Preise durch eine Deflationspolitik zu senken und damit die französischen Produkte auf den Weltmärkten konkurrenzfähig zu machen. Man fand aber nicht den Mut, den Franc abzuwerten – im Unterschied zu England und Amerika, die vor diesem Schritt während der Weltwirtschaftskrise nicht zurückschreckten.

„Eine wahre Freude“

Die Folgen dieser unentschlossenen Wirtschaftspolitik ließen nicht auf sich warten. Viele kleine Betriebe mußten schließen und Konkurs anmelden. Der Mittelstand war schwer angeschlagen. Finanzskandale brachten den Mittelstand und die Arbeiter gegen die „bösen Kapitalisten“ auf. Am 4. Juni 1936 bildete der Sozialist Léon Blum eine neue Regierung. Die wirtschaftliche Lage hatte sich noch verschlechtert. Im Mai hatten die Arbeiter begonnen zu streiken, und bald waren es über 100 000 Arbeiter, die auf die Straße gingen. Zum erstenMale in der französischen Geschichte wurden Fabriken von Arbeitern besetzt, was die sozialistische Schriftstellerin Simone Weil zu dem Ausruf beflügelte: „Dieser Streik ist in sich eine Freude. Eine wahre Freude.“