Von Dietrich Strothmann

Es war auf den Tag ein Monat nach dem "Blitzkrieg" der Israelis gegen Ägypter, Jordanier, Syrer und Iraker. Damals, am 5. Juli 1967, meinte der Generalstabschef Rabin: "Kein Zweifel, unseren sechs Tagen ist noch kein Sabbat des Friedens gefolgt. Aber wir haben noch eine neue Woche vor uns." Daraus ist mittlerweile ein Jahr geworden. Und der Sabbat des Friedens im Nahen Osten ist in noch fernere, ungewissere Zukunft gerückt. Er ist geblieben, was er seit der Gründung des Staates Israel vor zwanzig Jahren war: ein Wunschtraum.

Es war ein halbes Jahr, nachdem die Juden ihre arabischen Feinde mit Mann und Roß und Wagen geschlagen hatten – in der Sinai-Wüste, am Westufer des Jordan, in den winkligen Gassen der Jerusalemer Altstadt, auf den steilen Höhen des Golan –, als Rabin, inzwischen Botschafter in Washington, erklärte: "Wir warten auf den Frieden, mag es auch zehn oder zwanzig Jahre dauern." Heute trifft man unter den Jungen und Alten, den Kämpen vom Juni-Feldzug und den Pionieren der ersten Kibbuz-Bewegung keinen Israeli, der glaubt, daß schon im nächsten Jahr im Nahen Osten die weißen Wimpel des Friedens wehen werden.

Ihr Sieg ist bereits zur Legende geworden, die weinenden Fallschirmjäger an der zurückgewonnenen Klagemauer in Jerusalem gehören der Vergangenheit an – die Früchte des Sieges aber wollen nicht reifen. Denn Krieg liegt wieder in der Luft, die "vierte Runde" zwischen Arabern und Juden. Das Heilige Land zwischen Nazareth und Hebron, Jerusalem und dem Berg Mosis ist seit je ein Land der heillosen Kriege gewesen. Es scheint so, als sollte sich daran nichts ändern.

Was wohl hat der Triumph vom Juni 1967 den Israelis eingebracht? Jerusalem, die nach zweitausend Jahren wiedervereinigte Stadt Davids. Dann, vorläufig, als Faustpfänder die "besetzten Gebiete" im ägyptischen Sinai und im Gazastreifen, im jordanischen Westgebiet, auf den syrischen Golan-Höhen. Es heißt offiziell, der Staat der Juden sei heute an seinen Grenzen sicherer als ehedem. Sie sind um ein Viertel kürzer, das gesamte Territorium ist um das Vierfache größer. Jordanische Geschütze bedrohen heute nicht mehr Tel Aviv, syrische Kanonen nicht mehr die Siedlungen am See Genezareth. Nun sind es israelische Truppen, die 60 Kilometer vor Kairo, 50 Kilometer vor Amman, 40 Kilometer vor Damaskus stehen.

Nach dem Sieg rief General Aluf Abraham Joffe begeistert: "Diese Grenzen sind ein Vergnügen." Und noch heute, ein Jahr danach, gibt es starke Gruppen von Annexionisten, die darauf beharren, daß Israels neue Grenzen erweiterte Grenzen sein müßten, so wie Jerusalems Religionsminister Jerach Wahrhaftig verkündete: "Wir sind für immer in unser Land zurückgekehrt"; und wie Arbeitsminister Allon feststellte, daß Israels alte Landkarten "nur noch historischen Wert" hätten.

Von den Friedensplänen jedenfalls, die in den vergangenen zwölf Monaten nacheinander de Gaulle, Tito, Bourguiba und die Londoner Regierung vorlegten, wollen die Juden nichts wissen; auch trauen sie, klüger geworden durch leidvolle Erfahrungen, keiner UN-Vermittlung mehr und keiner Großmacht-Garantie. Selbst die These der Gemäßigten und Kompromißbereiten in Jerusalem lautet noch immer: Nur direkte Verhandlungen mit den Arabern, auch unter neutralem Vorsitz – aber keine Zwischenlösungen mehr. Israel will die Araber zum Prinzip des do ut des zwingen: Anerkennung der staatlichen Existenz, freie Durchfahrt durch die Straße von Tiran und durch den Suezkanal. Dafür, im Tausch, gäben die Juden dann die Sinai-Wüste frei, als entmilitarisiertes Gebiet, und die "Westbank", ebenfalls als waffenfreie Zone. Den Höhenzug des Golan indessen, den Gaza-Pfahl und Jerusalem blieben unter israelischer Hoheit.