E. W., Paris, im Juni

Es gibt seit der Ankündigung von Neuwahlen in Frankreich weit mehr Kräfte, die bereit sind, die Wahlen stattfinden zu lassen, als solche, die sich ihnen widersetzen. Aber die militanten Minderheiten versuchen weiter, der Mehrheit ihr Gesetz aufzuzwingen.

Ein Beispiel: In Nantes, der Industriestadt an der Loiremündung, verhinderten am Dienstag 300 Studenten die Ausfahrt der Vorortomnibusse, deren Fahrer – wie in vielen anderen Provinzstädten – die Beendigung des Streiks beschlossen hatten. In Paris schicken die sozial-revolutionären Studentengruppen immer wieder Redner zu den streikenden Arbeitern der großen Werke mit der Losung election = trahison“. Die Wahlen betrachten sie darum als Verrat, weil sie genau wissen, daß ihnen kein revolutionäres Frankreich entspringen wird, wahrscheinlich nicht einmal eine Links-Mehrheit.

Derlei Parolen wirken auch auf jenen Teil der Arbeiter, der sich fragt, was ihm eigentlich nach dem ganzen Aufruhr bleibt. Natürlich ist dabei eine Lohnerhöhung herausgekommen, die im Durchschnitt zwischen 12 und 15 Prozent liegen wird. Aber wann werden die Preise folgen? Wann wird der Franc abgewertet werden müssen? Couve de Murville, der neue Finanzminister, zieht schon die Reserven vom internationalen Währungsfond ab; von 24 Milliarden Mark Streikkosten ist die Rede.

Die Kräfte, die die Revolte jederzeit von neuem anfachen möchten, werden nicht entwaffnet sein, wenn sich im Herbst oder Winter eine Krise der französischen Wirtschaft mit einer neuen Welle sozialer Forderungen verbinden sollte. Warum sollten nicht die Kommunisten, die sich heute ziemlich konservativ geben, dies ansteuern? Daß sie als Gewinner aus den Wahlen hervorgehen, wird ohnehin allgemein angenommen.

Die neue Regierung Pompidou hat auf ihr Bekenntnis zu Reformen einige schüchterne Akzente gesetzt. Pompidou hat schon zu erkennen gegeben, daß er seine Mehrheit auch auf Kräfte der Mitte zu stützen bereit ist. Aber werden die Wähler ihm die Richtigen ins Parlament schicken? Und wird General de Gaulle mit ihnen auskommen – und sie mit ihm?