Man muß es immer wieder sagen: Dieser Staat verdankt den Gewerkschaften viel, sehr viel. Durch ihre Bereitschaft zur Kooperation mit den Unternehmern und eine im ganzen vernünftige Lohnpolitik haben sie entscheidend zur wirtschaftlichen Prosperität, durch Zurückhaltung beim ideologischen Engagement zur politischen Stabilität beigetragen. Die entschiedene Ablehnung eines Generalstreiks gegen die Notstandsgesetze hat gezeigt, daß die Gewerkschaften diese maßvolle Politik fortführen wollen – die weitgehende Respektierung dieses Beschlusses trotz des Murrens mancher Bezirksgruppen bewiesen, daß die Organisation in Übereinstimmung mit den Wünschen ihrer Mitglieder handelt.

Diese Haltung hat sich ausgezahlt: Ohne Streiks und soziale Unruhen haben die Arbeitnehmer in der Bundesrepublik einen so hohen Anteil am Sozialprodukt erreicht wie in kaum einem anderen Land. Es besteht also gerade für die Gewerkschaften Anlaß, jede Radikalisierung zu vermeiden, um die erzielten Erfolge nicht zu gefährden.

So ist es bedenklich, wenn der Chef der IG-Chemie, ohne auf Widerspruch zu treffen, behaupten darf, bei einer Ablehnung ihrer Mitbestimmungswünsche würden die Gewerkschaften „auf Jahre hinaus zur außerparlamentarischen Opposition werden“. Nennt Gefeller es wirklich „demokratisches Verhalten“, wenn eine Massenorganisation das Parlament unter Druck setzt, um Entscheidungen zu ihren Gunsten zu erzwingen? Ganz abgesehen davon: Was könnten die Arbeiter sich davon versprechen, daß ihre Organisation sich in Opposition zu dem Staat begibt, den sie mit geprägt hat?

Bedenklich ist es auch, wenn andere Gewerkschaftler die „sozialen Errungenschaften“ in Frankreich feiern. Man kann Verständnis für das Aufbegehren der Studenten und Arbeiter haben – schließlich ist das Bildungssystem noch antiquierter als bei uns, stehen die Arbeiter jede Woche dreieinhalb Stunden länger in den Fabriken als ihre deutschen Kollegen und verdienen doch ein Fünftel weniger. Aber was ist denn durch die Revolte erreicht worden?

Der Generalstreik wird Frankreich mindestens so teuer kommen wie uns 1967 die Rezession. Wert des Produktionsausfalls, sprich Wohlstandsminderung: etwa 35 Milliarden Franc. Und alle Zugeständnisse, die Regierung und Unternehmer machen, können die Lage der Wirtschaft nur noch weiter verschlechtern.

1968 sollte für Frankreich ein Jahr des Konjunkturaufschwungs werden. Die Experten erwarteten eine Erhöhung des realen Sozialprodukts um mindestens fünf, Lohnsteigerungen von gut sechs Prozent. Nun werden 12, 15 Prozent und mehr versprochen – und jeder weiß, daß plötzliche Lohnerhöhungen dieses Ausmaßes die Kraft jeder Volkswirtschaft übersteigen. Der Franc ist über Nacht zur schwachen Währung geworden, schon werden Preissteigerungen von 8 bis 10 Prozent vorausgesagt – schließlich werden die Arbeiter weniger haben als ohne Streik. Wie die Times schreibt: „Falls das Regime überlebt, steht es vor einer Wirtschaftskrise.“

Aber auch ein Sturz de Gaulles, ein Wechsel des Regimes würde nichts bessern. Frankreichs wirtschaftliche Misere beruht nicht zuletzt darauf, daß es in den letzten Jahren zuwenig Wettbewerb, zuwenig Strukturwandel, zuwenig Mobilität der Arbeitskräfte – kurz, zuwenig „Kapital“, „Kapitalismus“ gegeben hat. Der ökonomische Sachzwang läßt sich durch Revolten nicht verändern: Auch in Frankreich wird sich erweisen, daß am Ende die Arbeiter für den Versuch bezahlen müssen, utopische Forderungen mit Gewalt durchzusetzen. Diether Stolze