Mittwoch, 29. Mai, 1. Programm: „Bestandsaufnahme: Rebellion der Jugend“

In einem Augenblick, da das Deutsche in zwei verschiedene Idiome zerfällt: das Parlaments-Vokabular und die Sprache der universitären teach-ins – in dieser Notstandswoche war es ein löbliches Unterfangen, die Rebellion der Jugend mit Hilfe einer Form zu untersuchen, die halb hearing-, halb Prozeß-Charakter besaß. Matthias Walden zieh die zornigen Jungen der Intoleranz und traf mit seiner Anklage – doppelsinnighintergründig – zugleich auch den Springer-Konzern; Jens Litten analysierte die Praktiken des Obrigkeitsstaats; Fachleute vom NDR erläuterten die Gründe des Protests, den Willen zum Ausscheren, zum Sich-Verweigern, zur Negierung vorgeschriebener Bedürfnisse; man zeigte den Übergang vom Unbehagen der beatniks zum politischen Engagement der Systemkritiker, beschwor die geistigen Väter, nannte die Namen der Männer, die als erste das scheinbar so wohnlich-bequeme Gehäuse der Hörigkeit als Zwangskaserne entlarvten.

Kogon wies auf den Staat, der über Soldaten und Obligationen die Bildung, und nicht nur die Bildung, sondern alle revolutionären Reformen einer erstarrten Gesellschaft vergaß ... und dann kam Hans Heigert und sagte „Es ist ja alles gar nicht so schlimm, die Gesetze sind gut, das System ist in Ordnung, die Parteien machen’s schon recht“, und sprach wie der Gute-Nacht-Lied-Onkel, die sechsfach begründete Notwendigkeit und Zwangsläufigkeit der Revolte wurde verschleiert, und der Bürger ging ruhigen Herzens uu Bett.

„Da sehen Sie es wieder“, sagte der Student neben mir, ein ruhiger Mensch, „mit Liberalität alten Stils wird sich nichts ändern, man muß schon deutlicher werden“, und was dieser eine sagte, hätten auch die anderen sagen können, mit denen ich vorm Bildschirm die Debatte über die Notstandsgesetze verfolgte, die ehrenwerten Worte, begleitet vom Fußangelklirren der verräterischen Vokabeln, die taubenfüßigen Sätze, die plötzlich Krallen bekamen, wenn sich der Betrachter an die Szene erinnerte, in der dem Kanzler angesichts der opponierenden Studenten die Floskel zuflog: „Ihre Reaktion zeigt mir sehr deutlich, daß wir ein Notstandsgesetz brauchen.“ (Und diesem Mann soll ich glauben, fragte sich der Zuschauer vor dem Fernsehgerät, daß er und die Seinen den Ausnahmefall nicht schon sehr, sehr knapp jenseits der Normalität ansiedeln werden – jenseits einer Normalität zudem, die nicht am Maßstab republikanischer Freiheit, sondern mit dem Blick auf Ordnungs- und Autoritätsmodelle des deutschen Bürgertums bestimmt werden mag: Keine Experimente also, es gibt nur Anarchie oder Ordnung ... und welcher Michel wählte, mit solcher Schein-Alternative konfrontiert, nicht lieber den Kruppstahl, den Windhund, das Leder als die Embleme der linken Studenten?)

Und wie sanft sprachen auf der anderen Seite – man sah es am Bildschirm – auch jene vom Recht aufs Ersatzrecht zusteuernden Sozialdemokraten, die sich nicht einmal gegen die Verwendung der Bundeswehr im Grenzfall des inneren Notstands erklärten. (Und hatten doch einen Noske, die Noskes, und haben doch so oft gesehen und sehen noch immer, auf ihrem langen Weg von August Bebel bis zu Helmut Schmidt, wer am Ende die Zeche bezahlt, wenn man die Kriegskredite bewilligt, den Trauerflor ums Grundgesetz windet und jenem Widerstandsparagraphen zustimmt, in dessen Zeichen die Untertanen, dem Staat verbunden, nicht gegen ihn lockend, den Ruhestörern heimleuchten können: statt Stauffenberg der Krückstock schwingende Rentner, Verrina als getreuer Diener seines Herrn ...).

Als alles vorbei war, am Donnerstagabend, dachte ich an eine Zeile aus dem „Galilei“ Bert Brechts. Sie heißt: „Das Alleräußerste ist, daß man ihm diese Instrumente zeigt“ ... o ja, das genügt, der Blick auf sie wird die autoritären Strukturen in unserem Lande verstärken, die Ängstlichen werden sich ducken, weil sie wissen, was es bedeutet, wenn aus einem Grundgesetz ein Handbuch zur Vertretung von Herrschaftsinteressen gemacht wird, und die Studenten werden nicht friedlicher werden: nun, wo sie sehen, daß Abhörgeräte offenbar dringlicher als Hörsäle sind.

Demagogie? Dämonisierung? Dann hätte es der Kanzler nur so hingesagt, als er dem aufmuckenden Kommilitonen mit dem Notstandsgesetz drohte? Das sollte man ihm nicht unterstellen, das wäre kränkend für ihn ... und also mag es auch dem Betrachter am Bildschirm gestattet sein, das Kanzlerwort so gut wie die Art, mit der diese Gesetze (kaum auf dem Tisch, schon wieder von dem Tisch) verabschiedet wurden, als Kommentar zu jenem Text anzusehen, den er zwei Tage lang angehört hat.

Momos