Irgendwann einmal möchte jeder Junge selber ein Auto lenken. Solange er seinen Vater darum bittet, ihn das Autofahren probieren zu lassen, ist noch keine Gefahr im Verzuge. Von den anderen – von denen, die nicht bitten, sondern heimlich Vaters Auto entführen – lesen wir zuweilen in der Zeitung: dann nämlich, wenn ein solcher Junge in einen Unfall verwickelt oder sonstwie von der Polizei ertappt wird.

Ein Auto zu bedienen, ist heute kinderleicht. Manche Kinder können es besser als ihre Mütter. Es gibt Väter, die machen sich für ihre Kinder strafbar. Sie fahren sonntags hinaus auf einsame Feldwege und lassen dort ihre Söhne das Auto lenken, während sie selbst auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Auch die einsamen Feldwege sind öffentliche Verkehrswege, und deshalb machen sich solche Väter strafbar. Doch die Pädagogik steht ihnen höher.

Pädagogik? Es ist die beste Pädagogik, die es gibt: Wenn Kinder Lust haben, etwas zu lernen, soll man sie lernen lassen. Warum soll man sie nicht alles lernen lassen, was sie von sich aus lernen wollen – ob das Buchstaben sind oder später Schreibmaschineschreiben oder Autofahren? Das Zehnjährige ein Auto in Gang setzen, kuppeln, schalten, Gas geben, bremsen und lenken können, wissen nur diejenigen Väter nicht, die ihre Kinder ängstlich gemacht haben.

Nun besteht Fahren nicht nur aus Fahrtechnik. Um mit dem Gesetzgeber zu sprechen (nach Floegel-Hartung): „Jugendliche neigen vielfach zur Unvorsichtigkeit und zum Übermut; es fehlen ihnen oft noch die Einsicht, die Besonnenheit und das Verantwortungsbewußtsein, das von einem Kraftfahrzeugführer verlangt werden muß.“ Deshalb dürfen sie bis zum (gegenwärtig noch) 16. Geburtstag auch nicht Fahrrad mit Hilfsmotor fahren, auch wenn dieses führerscheinfrei ist und nur eine Höchstgeschwindigkeit von 25 Stundenkilometer entwickelt; auf dem gewöhnlichen Fahrrad dagegen dürfen sie so schnell fahren, wie es Muskeln, Gangschaltung oder Gefälle nur irgend gestatten – und wenn’s „40“ sind ...

„Einsicht, Besonnenheit und Verantwortungsbewußtsein“ also, die außer dem Fahrschulwissen verlangt werden, stellen sich nach Meinung des Gesetzgebers schlagartig zum 18. Geburtstag, auf Antrag auch wohl etwas früher ein. Für andere Techniken läßt man den jungen Menschen Jahre Zeit – bei der Erlernung eines Musikinstruments zum Beispiel. Aber ausgerechnet bei jener Technik, von deren Beherrschung das Leben der Mitmenschen abhängt, wird ein Dutzend Fahrstunden für ausreichend angesehen, das Entreebillett für den Kraftverkehr zu erlangen. Dann freilich bricht sich die aufgestaute, hier wörtlich zu nehmende motorische Aktivität Bahn. Das Ergebnis steht dann wieder in der Zeitung.

Verkehrserziehung mit Roller und Tretauto ist für die Altersstufe ganz schön, in der diese Vehikel ohnehin benutzt werden. Später wird’s kindisch. Auf einem anderen Gebiet hat es sich inzwischen herumgesprochen. Die Erfinder des Lehrbaukastens „All-Chemist“, den man Elf- und Zwölfjährigen schenkt, haben immerhin Experimente mit Salzsäure vorgesehen.

In München gibt es seit kurzem eine Verkehrsschule, in der die Kinder mit richtigem Benzinmotor fahren. Die Rennwagenmodelle (Höchstgeschwindigkeit 15 Stundenkilometer) sind mit Gas- und Bremspedal ausgerüstet. Ein solches Motodrom wird jedoch, wenn man bedenkt, wie zäh der Verkehrsunterricht in Gang gekommen ist, lange noch eine Ausnahme bleiben.