„Große Interpreten neuer Musik – Severino Gazzelloni“; Musik von Debussy, Busoni/Weill, Varèse, Bussotti, Matsudaira, Maderna; Wergo 60029, 19,– DM

Stärker als alle Musik bisher ist die zeitgenössische Musik an ihre Interpreten gebunden. Ein paar wenige Sänger und Instrumentalisten haben es bisher für nötig (und auch wohl ersprießlich) gehalten, sich der Mühe eines Spezialstudiums und -trainings zu unterziehen, diese wenigen bestimmen nun mit ihrem Können das Aussehen der Neuen Musik – und halten damit umgekehrt den Kreis der Spezialisten wiederum klein.

Zu diesen Spezialisten gehört der Flötist Severino Gazzelloni. Seit 1952 ist der Römer Gast bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt, und jedes Jahr hat Gazzelloni dort die jeweils neuesten Praktiken und Tricks vorgeführt: Er kam mit einer ganzen Flötenfamilie zwischen Piccolo und Baß auf die Bühne und spielte von einer langsam sich abwickelnden Notenrolle, er mußte nicht nur auf der Flöte blasen, sondern auch in das Rohr sprechen und singen, mußte Glissandi erzeugen und reine Geräuscheffekte, indem er lediglich mit den Grifflöchern klapperte, er ließ seine Flötentöne durch elektrische Filter verfremden und mit vorgefertigten elektronischen Bandkomplexen kombinieren. Einen Querschnitt aus dieser Hexenküche moderner Flötenkunst zeigt die vorliegende Platte, und sie zeigt weiter: Gazzelloni ist nicht in erster Linie virtuoser Techniker, sondern zunächst einmal Musikant, nicht nur Hexenmeister, sondern auch ein brillanter Spaßmacher. Gazzelloni nimmt die musikalische Equilibristik nicht so metaphysisch ernst, sondern hat seinen Spaß daran – und gibt ihn weiter. Den Aposteln verspäteter Jugendbewegung und den Predigern des Orffschen Schulwerks sei die Platte ganz besonders zur Abwechslung empfohlen. Heinz Josef Herbort