Die Geschichtswissenschaft in der Deutschen Demokratischen Republik hat sich im letzten Jahrzehnt recht positiv entwickelt. Quantität und Qualität der historischen Veröffentlichungen sind beträchtlich gewachsen. Die jüngeren Historiker lösen sich zusehends von überkommenen stalinistischen Dogmen, auf zahlreichen Gebieten wurden bedeutsame Arbeiten vorgelegt. Und nicht nur in der Forschung, auch in der Lehre nimmt die Geschichtswissenschaft drüben einen beachtlichen Platz ein. Dies vorweg.

Selbstverständlich hat im „Arbeiter- und Bauernstaat“ die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung Vorrang, und hier wiederum steht die Entwicklung des deutschen Kommunismus an erster Stelle. In der Bundesrepublik steckt die Erforschung der kommunistischen Bewegung in Deutschland zwar noch in den Anfängen, aber auch drüben wird die eigene Geschichte erst seit etwa zehn Jahren aufgearbeitet. Vorher beschränkten sich die Parteihistoriker hauptsächlich auf die Wiedergabe des „sowjetischen Vorbilds“.

Bis 1956 beherrschte der orthodoxe Stalinismus auch die Parteigeschichtsschreibung der Sozialistischen Einheitspartei. Typisch war der Dokumentenband „Zur Geschichte der Kommunistischen Partei Deutschlands“ (1. Aufl. 1954, 2. Aufl. 1955): darin fehlten die entscheidenden Dokumente, so beispielsweise das von Rosa Luxemburg verfaßte Gründungsprogramm der Partei. Plumpe Fälschungen waren an der Tagesordnung. Die Merkmale stalinistischer Historiographie bestimmten die Forschung:

  • Die Geschichtsschreibung war „parteilich“; die Vergangenheit der Kommunistischen Partei und der Einheitspartei wurde mittels einseitiger Auswahl und voreingenommener Bewertung der Fakten glorifiziert.
  • Die Historiker verschwiegen nicht nur unbequeme und die Partei kompromittierende Fakten, sie fälschten auch Dokumente. Wichtige Passagen wurden unterschlagen, Faksimiles durch Ätzungen verändert, Bilder retuschiert usw.
  • Häufig wurden Namen eliminiert. Die Partei erklärte z. B. alle ehemaligen kommunistischen Führer, die mit der Partei in Konflikt geraten waren, zu „Parteifeinden“ und „Agenten“, sie wurden „Unperson“, ihre wirkliche Rolle aus der Geschichte getilgt.

Diese stalinistischen Methoden behielt die Einheitspartei zunächst auch bei, als sie nach 1956 die Erforschung des deutschen Kommunismus intensivierte. Sie verlangte, „daß sich die Geschichtswissenschaft in der gesamten Arbeit jederzeit von den politischen Erfordernissen des gegenwärtigen Kampfes leiten läßt und daher von den Beschlüssen der Partei ausgehen muß“. (Kurt Hager in der „Einheit“, September 1962). Da sich die Einheitspartei als die konsequente Fortsetzung der deutschen Arbeiterbewegung und speziell des deutschen Kommunismus versteht, sollen die Parteihistoriker die von der Parteiführung aufgestellten Dogmen „belegen“ und historisch rechtfertigen.

Inzwischen haben sich jedoch die Methoden, mit denen die Historiker den Anspruch ihrer Partei untermauern wollen, geändert. Die stalinistische Form der Geschichtsschreibung ist weitgehend überwunden. Ein Beweis dafür ist das Standardwerk der Einheitspartei über Probleme der Parteigeschichte, die