Das Fazit einer Demonstrationswoche

Von unseren Korrespondenten

Berlin

Wir sind eine kleine radikale Minderheit“, sangen am 1. Mai höchst selbstzufrieden Zehntausende von sozialistischen Mai-Demonstranten. Einen Monat später waren sie es wirklich. Nur noch knapp Zweitausend machten sich in der letzten Woche auf, den Weg zu finden, der Arbeiterherzen für den Notstand empfindlich machen sollte. Wo sie den Arbeitern vor deren Betrieben die Empfehlung nach „Arbeiterkontrolle“ skandierten, antworteten diese ebenfalls im Chor „Wir lassen uns nicht kontrollieren“.

So zogen sie denn wieder enttäuscht zum Kurfürstendamm. Dort liefen sie im Kreise. Hätte nicht ein Baggerführer, der mit seinem Arbeitsgerät ohne Rücksicht auf Menschenleben in die Demonstrantenmenge fuhr und einen jungen Mann in die Schaufel nahm, die Aktivisten zu neuen Taten gereizt, wären diese wohl kaum noch zum Bundeshaus gezogen, um dort die Berlin-Fahne einzuholen und mit einer Polizeimütze Fangeball zu spielen.

Auch an den Universitäten erging es den Revolutionären nicht viel anders. An der Technischen Hochschule mochten die Kommilitonen nicht einsehen, warum die „Queens-Lecture“ mit geladenen alliierten Gästen und Klaus Schütz in eine Notstandsdiskussion „umfunktioniert“ werden sollte. Tags darauf erklärte Rektor Weichselberger, von den Studenten brüskiert, seinen Rücktritt.

An der Freien Universität hetzten die Genossen derweil von Abstimmung zu Abstimmung. Um in Instituten und Seminaren, soweit sie nicht besetzt waren, Anti-Notstands-Resolutionen durchzupeitschen und Vorlesungs-Ausfälle zu erreichen. Das vom SDS ausgearbeitete Plansoll an Institutsbesetzungen wurde nicht erfüllt, was nicht zuletzt den Reformern am Otto-Suhr-Institut zuzuschreiben ist. Sämtliche Institutsangehörige – von der Putzfrau bis zum Direktor des Instituts, Professor Schwan – stimmten für eine grundlegende Strukturänderung und verabschiedeten einen von der SPD-Betriebsgruppe an der FU vorbereiteten Satzungsbeschluß, der das Ordinariatsprinzip ab sofort außer Kraft setzt.