Eine Analyse seiner Außenpolitik

Von George W. Ball

Die Vorstellung, die sich der General von Frankreichs Rolle in Europa und der Welt macht, entspricht nicht der Zukunft, sondern der Vergangenheit. Er blickt zurück und versucht, durch eine Politik des Heimwehs etwas für dieses Jahrhundert heraufzubeschwören, das die Kräfte selbst des größten Magiers übersteigen würde – eine Zeit, die dreihundert Jahre zurückliegt, eine Zeit, in der Frankreich wirklich die größte und reichste Nation des Westens war. De Gaulle liebt es, die „Geister der Vergangenheit“ zu beschwören, doch sie werden weder ihm noch sonst jemandem erscheinen.

Die Stärke und die Schwäche dieses großen politischen Führers beruht darauf, daß er, unter Ausschluß alles anderen, ein glühender französischer Patriot ist – eine ehrenvolle Bezeichnung, die er verdient, die aber, wenn sie zur bestimmenden Kraft des Lebens wird, als „Nationalist“ übersetzt werden kann. Das zum Ideal und Idol erhobene Frankreich ist die verzehrende Leidenschaft seines Lebens. Diese Tatsache erfassen heißt verstehen, was er getan hat und was er tun wird und was er unglücklicherweise niemals tun kann. Doch diese Tatsache ignorieren oder sich ihrer nicht bewußt sein, heißt endloser Verwirrung Tür und Tor öffnen.

Man braucht nicht den Scharfsinn eines Liddle Hart, um die aufeinanderfolgenden, klar zu unterscheidenden Kampagnen de Gaulles zu erkennen, die er seit dem Kriege verfolgt hat.

1. Die Aufteilung Deutschlands

Im Jahre 1945 verhandelte General de Gaulle mit seinen Verbündeten, es solle, wie er selbst uns berichtete, sein „... keine weitere Souveränität des zentralen deutschen Staates auf dem linken Ufer des Rheins; die so getrennten Gebiete sollten ihren deutschen Charakter behalten, aber ihre Autonomie und ihren Zusammenhalt, wirtschaftlich gesehen, von der Westzone beziehen; die Ruhr sollte unter internationale Kontrolle gestellt werden, die ostdeutsche Grenze durch Oder und Neiße markiert sein.“