Von Ralf Dahrendorf

Zu den sechs neuralgischen Punkten der Hochschulreform, die Bayerns Kultusminister Ludwig Huber (CSU) vor drei Wochen an dieser Stelle dargestellt hatte, nimmt nach dem Bundestagsabgeordneten Karl Moersch (FDP) und dem Mitglied der Aktionsgemeinschaft Demokratische Universität Adalbert Hepp hier zusammenfassend Professor Ralf Dahrendorf (Konstanz) Stellung.

Die Neuralgie der Universität von Herrn Huber ist harmlos, das Leiden der deutschen Universität aber ernst. Wenn es nur darum ginge, effektivere Hochschulverwaltungen zu schaffen, Institute in Fachbereiche zu verwandeln, Studenten gelegentlich mitreden zu lassen, den Zwang zur Habilitation abzuschaffen, Lehrstühle auszuschreiben und ein bißchen an den Prüfungsordnungen zu ändern, dann wäre die Änderung unserer Hochschulen leicht. Sie ist jedoch nicht leicht; und während ich mit Herrn Huber darin durchaus übereinstimme, daß der Weg der Reform in einer Kette von institutionellen Einzelmaßnahmen besteht, würde ich diese doch auf einige Grundaufgaben beziehen wollen.

Ich will mich der Magie der Zahl dieser Artikelreihe in der ZEIT beugen und bei sechs solchen Aufgaben bleiben; die Zahl der neuralgischen Punkte (im folgenden jeweils in Klammern genannt) wird dann allerdings erheblich größer.

1. Die Aufgabe der ständigen Fähigkeit zur Reform

Nicht ihre Ineffizienz im Hinblick auf die Verwaltung der täglichen Dinge, sondern ihre Unfähigkeit zur weitreichenden Veränderung scheint mir den Haupteinwand gegen die traditionelle deutsche Universitätsverwaltung abzugeben. Seit sich unter Kultusministern die große Angst vor dem Eingriff in den Hochschulbereich ausgebreitet hat (die die bedeutenden Minister von Althoff bis Becker nicht hatten, und zwar zum Nutzen der Universität), erweist sich der lose gefügte Bund der Fakultäten, die ihrerseits oft Kartelle der Inaktivität darstellen, als äußerst ungeeignet zur Beförderung von Veränderungen. Klare Initiativ- und Kontrollzentren, das heißt: eine weitgehende Aufhebung der durch nichts zu rechtfertigenden Privatmacht des einzelnen Ordinarius, sind hier für alle Angelegenheiten (also nicht nur für Wirtschafts- und Personalangelegenheiten) nötig.

Dazu rechne ich das langjährige Rektorat beziehungsweise die Präsidialverfassung (neuralgischer Punkt Nr. 1), ein Führungsgremium, das dem Rektor-Präsidenten für alle Entscheidungen zur Seite steht und Verwaltungsrat, oder besser (weil so die Kompetenz auch für "akademische Angelegenheiten" deutlich wird), Kleiner Senat heißen mag (2), die Schaffung zentraler Hochschulgremien mit Entscheidungskompetenzen für die Finanzierung und Planung der Forschung sowie die Organisation der Lehre (3), die Schaffung eines Kontrollorgans (Hochschulparlament, Großer Senat) für alle Grundsatzfragen, an dem alle Gruppen repräsentativ beteiligt sind (4).