Von Thilo Koch

Sie schreiben im Vorwort zu Ihrem Aquarell-Band „Der Engel ist mein Wasserzeichen“, in einem Vorwort, das besonders für die deutsche Ausgabe geschrieben wurde, etwas sehr Paradoxes – Sie lieben ja Paradoxa–: „Je näher man dem Grabe kommt, desto mehr Zeit hat man zu verschwenden.“ ist es nicht so, daß der Sand in der Sanduhr ausrinnt?

HENRY MILLER: Das ist schon wahr. Aber es ist, wie Sie sagen, eine paradoxe Sache. Hier wird die Rechnung beglichen, weil – je näher man dem Grabe kommt – die Dinge nicht mehr so wichtig sind, wie sie einst zu sein schienen.

Auch Sex, auch die Liebe?

MILLER: Nichts ist mehr so wichtig. Die wichtigste Sache ist der Tod. Oder das zukünftige Leben, das man vielleicht haben wird. In jungen Jahren ist man sehr ängstlich bemüht, man kämpft, wetteifert. Und nach einer Weile, in der Mitte des Lebens, fragt man sich: Wofür eigentlich das alles? Und am Ende des Lebens sieht man, daß alles Narretei ist, daß man schweigen sollte, still stehen, sich des Augenblicks freuen und ihn damit verlängern.

Glauben Sie wirklich an „ein anderes Leben“, wie Sie sagten? Wird ein anderes Leben folgen auf dieses?

MILLER: Ich fühle sehr stark, daß es die Reinkarnation gibt. Aber ich weiß nicht, ob es wahr ist. Verstehen Sie? Ich habe dennoch ein sicheres Gefühl dafür.