Wie er selbst die hochgewachsenen Männer in seiner Umgebung mit seinem ungewöhnlichen Gardemaß noch um Haupteslänge überragt, so ragt er unter den Zeitgenossen gleichen Ranges durch eine seltene Doppel-Laufbahn als Politiker und als Diplomat heraus – Henry Cabot Lodge, der neue amerikanische Botschafter in Bonn. Vorige Woche überreichte er dem Bundespräsidenten sein Beglaubigungsschreiben. Danach flog er ostentativ ins geteilte Berlin – durch einen jener Luftkorridore, in denen sich nach einigen Ostberliner Äußerungen neue Unerfreulichkeiten abzuzeichnen schienen. Sehr entschieden erklärte der neue Botschafter: „Wie in der Vergangenheit sind wir auf die Verteidigung der Freiheit und Lebensfähigkeit Berlins festgelegt.“

Für seine 65 Jahre ist Cabot Lodge noch äußerst alert, schlank und sportlich; und er hat gute Aussichten, die im Januar nächsten Jahres abtretende Administration Präsident Johnsons in der Bundeshauptstadt noch um eine gute Weile zu überdauern. Amerikanische Botschafter sind zwar persönliche Emissäre ihrer Präsidenten, aber Lodge hat in den über dreißig Jahren seiner Tätigkeit im öffentlichen Dienst jene Statur gewonnen, die ihn über persönliche oder parteipolitische Bindungen stellt. Daher ist vorstellbar, daß ihn auch der nächste amerikanische Präsident in Bonn läßt – ob er nun Nixon, Kennedy oder Humphrey heißen wird. Denn Lodge ist Republikaner; er hat aber auch unter zwei demokratischen Präsidenten als Botschafter gedient. Seine Loyalität gilt mehr den politischen Zielen und Institutionen Amerikas als den jeweils Regierenden.

Diese Haltung teilt Lodge mit jenem kleinen Kreis der amerikanischen Führungselite, die in der Flucht der Erscheinungen von ebenso auffälligem wie zähem Beharrungsvermögen ist. Mit ihnen zählt Lodge, der als junger Politiker bei Kriegsausbruch zu den Isolationisten zu rechnen war, heute zu den entschiedensten Internationalisten in der weltpolitischen Orientierung der USA, jedoch ohne eine nach Himmelsrichtungen oder Kontinenten geordnete Vorliebe. Er hat das amerikanische Engagement in Südostasien als Botschafter in Südvietnam von 1963 bis 1964 und dann nochmals ein Jahr seit 1965 ebenso nachdrücklich bejaht, wie er als Direktor des Atlantischen Instituts (1961 bis 1962) die europaorientierten Bindungen in der NATO verfocht.

Henry Cabot Lodge ist davon überzeugt, daß die Vereinigten Staaten auf lange Zeit als Kern einer der beiden großen rivalisierenden Weltsysteme eine zentrale und globale Rolle zu spielen haben. Er mißtraut der Glaubhaftigkeit und Dauerhaftigkeit von Veränderungen in Ost und West. Innenpolitisch gilt er unter den Republikanern als Liberaler; außenpolitisch ist er ein Konservativer. Daher nähert sich Lodge auch in seiner neuen Tätigkeit in Bonn den Formeln vom Brückenschlag nach dem Osten, der Entflechtung der beiden Bündnissysteme oder der Hoffnung auf eine Verselbständigung aller Europäer von den Machtzentren in Moskau und – in Washington mit gemessener Zurückhaltung. Er würde sich freilich solchen Tendenzen nicht entgegenstellen, wenn es den Interessen Amerikas entspricht, sie zu fördern, vorerst aber erscheinen sie ihm noch als sekundäre Symptome. Einen Durchbruch zu wirklichem Wandel sieht er noch nicht.

Wer ihn fragen wollte, ob er ein Mann der Konzeptionen oder ein Sachwalter des reinen Pragmatismus ist, würde mit einem abgründigen Lächeln die Antwort erhalten: „Vielleicht bin ich ein pragmatischer Konzeptualist oder ein konzeptueller Pragmatiker.“ Er hält es für gut und nützlich, alles zu fordern, was den noch immer eisernen Griff der Sowjetunion um Zentraleuropa lockern könnte und das auch mit einem schrittweisen amerikanischen Zurückweichen zu honorieren. Doch ist er nicht recht davon überzeugt, daß die Zeit dafür schon reif ist.

Der aus einer Bostoner Patrizierfamilie stammende Botschafter hat seine beiden Karrieren, die politische und die diplomatische, niemals als „Sendung“ verstanden, sondern stets nur als faszinierende, ihn ganz ausfüllende Abwechslungen. „Zwar bin ich nicht so reich wie die Rockefellers oder wie die Kennedys, aber ich könnte mein Mittagessen auch bezahlen, wenn ich nicht arbeite“, bemerkt er leichthin. Wo europäische Millionäre ihren Traum mit einer Villa an der Riviera erfüllt sehen, vollenden sich die Ansprüche Lodges ans Dasein in einem Büroraum des State Department, an einem Schreibtisch bei den Vereinten Nationen oder auf einem Stuhl im Kongreß. Dreimal wurde er in den Senat gewählt – mit einer Unterbrechung durch den Kriegsdienst in Libyen, Italien und Frankreich, wobei er es zum vieldekorierten Oberstleutnant und zum Generalmajor der Reserve brachte.