Noch einmal also ein Amerikaner in Paris. Noch einmal Montmartre und die putains. Hinzu kommt ein kleiner Abstecher nach Luxemburg. Aber auch da denken Joey (Henry) und sein Freund Carl an das gleiche wie in den Nutten-Cafés der Place Clichy. Angeekelt von der gesunden Behäbigkeit der Provinz, eilen sie nach Paris zurück. In wahrhaft verzweifelter Wollust stürzt Miller sich kopfüber in die ekel-Wollust Orgie, die er je beschrieben hat. Am Morgen danach hat er Hunger, geht ins Bad, wo die Hauptszene spielte, findet in der Kloake neben dem Bidet (wo sonst?) ein aufgeweichtes Käsebrot, fährt sich damit über die eigene Hinterseite und verspeist es mit Appetit. Das läßt sogar die „Wendekreis“-Romane noch ein bißchen hinter sich. Die bereits 1940 geschriebene Geschichte, 1956 umgearbeitet, konnte denn auch erst vor drei Jahren erscheinen. Jetzt wird sie auch in Deutschland angeboten, und zwar als Roman –

Henry Miller: „Stille Tage in Clichy“, aus dem Amerikanischen von Kurt Wagenseil; Rowohlt Verlag, Reinbek; 200 S., 28 Photos von Brassai, 20,– DM.

Das Büchelchen besteht tatsächlich aber nur aus zwei miteinander lose verhakten Storys. Die erste, längere heißt „Stille Tage in Clichy“, die zweite, kürzere „Mara-Marignan“. Sie enttäuschen den Miller-Fan auf keiner Seite. Der männliche Zugriff des Erzählens, Millers Kunst der unvermuteten Zartheit, sein salopper Humor, sein grenzenloses Mitgefühl – das alles kommt auch im deutschen Text gut heraus, eine exzellente Leistung des Miller-Übersetzers Kurt Wagenseil.

Aber daraus ein Buch für 20 Mark zu machen, das geht wohl nur, wenn dreierlei zusammenkommt: ein sehr attraktiver Autor, ein sehr potenter Verlag, ein sehr kauffreudiger Büchermarkt. Rechtfertigen die Photos von Brassai den Preis? Kalkulatorisch vielleicht; für Millers Texte sind sie entbehrlich; für sich selber haben sie nur noch atmosphärischen, musealen Wert. Die Kunst des Photographierens, so wird hier beiläufig erkennbar, hat seit 1940 stärkere Ausdrucksmittel erschlossen – die Kunst des Schreibens kaum.

Henry Miller, der Klassiker des Obszönen, ist mit seinen jetzt sechsundsiebzig Jahren ein moderner amerikanischer Klassiker, überhaupt. Er weiß das und haßt, es. „Die stillen Tage in Clichy“ erneuern zwar den Verdacht, hier fabuliere und überkompensiere ein Sexualprotz; aber was man über diesen phantastisch unanständig schreibenden – Amerikaner weiß, spricht dafür, daß er auch im Leben ein Mordskerl war. Und ist. Leider will er uns ordentliche Memoiren schuldig bleiben. „Clichy“ immerhin ist ein weiteres Stück verspiegelter Autobiographie. Auch als Joey bleibt Henry Henry. Sein HWG rekrutiert sich ohne Ausnahme aus Prostituierten. Gelegentlich betrügt er sie um der Liebe Lohn mit falschen Schecks; gelegentlich schenkt er ihnen alles, was er in den Taschen hat, auch das Kleingeld. Sein unstillbarer Hunger nach Ausschweifungen ist gigantisch, aber seine Schreibmaschine hält Schritt.

Dies führt ihn – auf seinem Spezialgebiet – über Hemingway, einen anderen Amerikaner in Paris, hinaus. Sein pornographischer Ehrlichkeitswahn ist unüberbietbar, da er vor nichts, aber auch gar nichts haltmacht. Beide Eltern Millers stammen von deutschen Einwanderern ab; also darf man vielleicht sogar von deutscher Gründlichkeit bei der Beschreibung des Coitus sprechen. Auch Millers Romantik, sein Zivilisationshaß, seine nihilistische Weltuntergangsbrunst tragen deutlich deutsche Züge. Im übrigen sind sie aus der geistigen Situation der Zeit heraus zu verstehen. Er schrieb seine Hauptwerke zwischen Weltwirtschaftskrise und Zweitem Weltkrieg.

Doch das alles sind angehängte Gedanken, berühren kaum den Kern dieser amerikanischen Prosa aus dem zweiten Viertel unseres Jahrhunderts. Woher rührt das große Vergnügen beim Lesen der „Stillen Tage von Clichy“? Die Obszönität ist nur ein Kitzel. Sie setzt etwas in Bewegung. Was ist es? Es ist ein Gefühl. Es trägt sogar durch die barbarischen Szenen hindurch. Es wärmt und nimmt mit. Es versetzt in Schwingung. Es erinnert mich, dieses Gefühl, an jenes „Verloren, oh verloren“ in Thomas Wolfes „Schau heimwärts Engel“. Noch in der billigsten Hurengeschichte Henry Millers klingt es an – sentimental und schamlos, aber erschütternd konkret und tödlich aufrichtig.