Frankreich nach dem Sturm – So oder so: Der Juni bringt Benzin und Ordnung

Von Josef Müller-Marein

Paris, Anfang Juni

Die hochbetagte Marquise, von deren reizenden Gesellschaften schon Friedrich Sieburg mit ironischer Sympathie zu erzählen wußte, befahl am Nachmittag ihrem treuen Chauffeur: „Aux Barricades, Gaston!“ Sie war stets aufgeschlossen für alles Schöne, Neue, für alle Kräfte, die unsere nach ihrer Ansicht ermüdete Welt vorantrieben. Sie fuhr am Odeon vor, dem Staatstheater, wo jetzt die rebellierenden Studenten ihre permanenten Vorstellungen geben, und traf zufällig eine Freundin, die sie auch richtig zum Tee einlud. Auf der Ludwigsinsel vergaß sie dann ihr Zigarettenetui, das ihr unter Garantie immer Glück bringt. So mußte Gaston durchs Gedränge zurückkutschieren. Aber die Freundin war inzwischen ausgegangen. Und keine einzige Barrikade weit und breit. Nach Hause zurückgekehrt, fand die Marquise die Dienerschaft leicht verwirrt, als sie ihre Enttäuschung äußerte ...

Nein, eine besondere Pointe hat diese (wahre) Geschichte nicht. Und doch ist sie typisch. Alle, die in Paris etwas auf sich halten, stehen auf Seiten der Studenten. Sogar jene Gelehrte, die bislang von Universitätsreform nicht viel wissen wollten. Man sah den einen oder anderen Professor im Odéon, wo auch die berühmten Darsteller des Hauses eintrafen, die gerührt den jungen Leuten zuschauten, als seien sie dankbar, von ihnen abgelöst worden zu sein. Auf dem eisernen Vorhang prangte der Spruch: „Dies ist nicht bloß eine Revolution der Komitees, sondern auch die Eure!“ Also auch die Revolution der literarisch und künstlerisch stets interessierten Marquise. Und in der Vorhalle hieß es an der Wand: „Man macht keine Revolution, indem man passiv bleibt. Handelt!“ So „handelte“ auch Madame. Wäre sie zur Sorbonne gefahren, hätte sie dort, wo viele phantasievolle Revolutionsplakate zu lesen waren – Inschriften, deren Phantasie sogar Jean-Paul Sartre lobte –, auch den Text finden können: „Papa pu!“ – „Vater stinkt!“

Die junge Jannine indessen, intelligent, sehr pariserisch, zudem auch linksgesonnen, schließt nicht aus, dies „Papa pu“ sei nicht nur auf alle Väter, sondern auch auf de Gaulle gemünzt. Bisher hat sie den Staatschef nur ein einziges Mal verehrt: als er Algerien aufgab. Sie nennt dies eine innenpolitische Tat de Gaulles, viel höher zu bewerten als sogar die Stabilisierung des Francs, der heute ja leider bedroht sei. Gaullismus heiße weiter nichts als Beschränkung auf tollkühne oder unsinnige Außenpolitik. Ein Jammer, daß de Gaulle, der Frankreich liebt, nichtsdestoweniger die Franzosen verachte! Denn in der Innenpolitik, da lägen de Gaulles wahre Fähigkeiten. Und deshalb liebe sie ihn jetzt zum zweiten Male ...

„Erklären Sie sich näher, Madame!“