Bonn und die Börse haben eines gemeinsam: beide werden von Notstandsprotesten und Studentenunruhen kaum berührt. Selbst die wildeste Demonstration in der Bundeshauptstadt entbehrte nicht der Komik. Ein paar Dutzend Studenten gelang es, an einem Abend die Hamlet-Vorstellung des Stadttheaters in Bonn für einige Minuten zu unterbrechen. Als sich der Vorhang wieder hob, rezitierte der Darsteller den berühmten Satz: „Etwas ist faul im Staate Dänemark.“

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Faul ist nach Ansicht der Parteien, Ministerien und der interessierten Verbände in Bonn aber auch der Kompromiß in der EWG über die Milchmarktordnung, den die Agrarminister der sechs Partner in Brüssel ausgeheckt haben. Höcherl streckte in der belgischen Hauptstadt frühmorgens um zwei Uhr die Waffen, nachdem sich seine fünf Kollegen auf die Formel geeinigt hatten: Der Milchpreis bleibt unverändert, die Zahlungen an den gemeinsamen Fonds zur Stützung des Milchmarktes bleiben vorerst unbegrenzt, und gleichzeitig sorgen wir für eine Preiserhöhung bei Rindfleisch. Höcherl konnte nur erreichen, daß die Bundesrepublik in den nächsten Zwei Jahren noch keine Margarinesteuer einführen muß. Statt dessen zahlt sie jährlich 120 Millionen Mark aus dem Bundeshaushalt in den EWG-Agrarfonds.

Überhaupt, es war eine Nacht voller Überraschungen für Höcherl. Der deutsche Landwirtschaftsminister hatte sich redlich gemüht, soviel wie möglich für seine Bauern herauszuholen. Er traute deshalb seinen Ohren nicht, als sein französischer Kollege Edgar Faure ihm vor Beginn der entscheidenden Sitzung freudestrahlend mitteilte, er habe mit Konrad Jakob gesprochen. Faure teilte dem verdutzten Höcherl mit, Jakob, hessischer Bauernboß und führender Vertreter des deutschen Bauernverbandes, habe viel Einsicht gezeigt: Die deutschen Bauern seien realistisch genug, um zu wissen, daß sie sich über einen Erzeuger-Auszahlungspreis ab Hof von 38 Pfennig je Liter Milch freuen könnten. Er, Faure, verstehe deshalb nicht, wie sich Höcherl länger gegen einen Kompromißvorschlag wehren könne. Es sei doch alles in schönster Harmonie. Wenige Stunden zuvor hatte Höcherl den hessischen Bauernführer noch inmitten der europäischen Bauern gesehen, die in Brüssel gegen einen solchen Preis demonstrierten.

Den Bauernverband in Bonn scherte das wenig. Er münzte den Kompromiß gleich um und behauptete ungeniert, den Bauern der übrigen EWG-Länder seien Sondervorteile zugestanden worden. Nach Ansicht der grünen Lobbyisten werden dagegen der deutschen Landwirtschaft „erneut Nachteile zugemutet“. Das könnte leicht zu „einem weiteren Vertrauensschwund der Landwirtschaft gegenüber den Koalitionsparteien führen“.

Getreulich stand der FDP-Abgeordnete Wächter dem Bauernverband bei: „Die Bundesrepublik hat der Kette ihrer Vorleistungen zugunsten der europäischen Einigung ein weiteres Glied hinzugefügt, wie bisher erneut zu Lasten der deutschen Landwirtschaft. Wiederum hat Höcherl auf der ganzen Linie nachgegeben und neue Wettbewerbsverzerrungen für die deutsche Landwirtschaft zugelassen.“ Von einem „Vertrauensschwund“ gegenüber der Großen Koalition möchte mancher FDP-Politiker gar zu gern profitieren.

Höcherl, der ungerechtfertigte Vorwürfe der Grünen Front im allgemeinen milde beurteilt und selten beantwortet, platzte diesmal doch der Kragen. Er ließ seinen Pressechef, Dr. Meyer zu Drewer, hart kontern: Die Regierung erwarte, daß sich der Bauernverband erst informiere, bevor er ein Urteil abgebe.