Frankreichs entzauberte Helden

Von Theo Sommer

Es gibt wieder Benzin in Paris, Pferderennen, Lose der Nationallotterie; die Streikbewegung bröckelt ab. Der Bürgerkrieg blieb aus, die Volksrepublik Frankreich wurde nicht ausgerufen. Ein Anschein von Normalität ist wieder hergestellt – aber eben nur ein Anschein. Noch ist die Krise nicht gelöst; noch gibt es keinen Sieger. Bloß die Verlierer stehen schon fest: Charles de Gaulle und Daniel Cohn-Bendit. Der Heros der alten Politik und der Star der neuen sind beide gleichermaßen angeschlagen.

Sie haben mehr gemein, als sie vermutlich wahrhaben möchten. Beide sind sie Verächter des Volkes; beide maßen sie sich an, den Willen der Allgemeinheit zu verkörpern, was immer diese Allgemeinheit denken und sagen mag; und beide haben sie für die herkömmlichen Institutionen nur Hohn und Spott. Der Heros und der Star verlassen sich am liebsten auf politischen Zauber – den faulen Zauber der Vereinfachung, Verzerrung und Verketzerung. Und daran sind sie nun beide gescheitert, der autoritäre Patriarch wie der radikale Revolutionär.

Denn Charles de Gaulle hat, als er am Donnerstag voriger Woche endlich spüren ließ, daß er noch da war, nur ein Gefecht gewonnen, nicht den Feldzug. Und sofern er überhaupt einen Sieg errungen hat, so weniger über seine Gegner als vielmehr über sich selbst: Er ließ seinen eigenen Plan für eine Volksabstimmung abrupt in der Versenkung verschwinden und schob die letzte Entscheidung nun doch den Wählern zu, indem er – wogegen er sich lange gesträubt hatte – die Nationalversammlung auflöste und Neuwahlen anberaumte.

Vielleicht wird de Gaulle abermals gewinnen. Bei einer Meinungsumfrage hat er in den letzten Tagen 53 Prozent der Stimmen erhalten, ebensoviel wie bei den letzten Wahlen. Das kommunistische Gespenst, das er in seiner zweiten Krisenansprache an die Wand malte, mag aufs neue seine Wirkung tun, die „Partei der Angst“ trotz allem die stärksten Bataillone stellen; zweimal bevölkerte sie in den letzten Tagen schon die Champs-Elysees. Bloß – was hülfe es ihm? Daß er, zehn Jahre lang der deformateur Frankreichs, sich nun zum reformateur aufschwingt, ist eine Vorstellung, deren Kühnheit an Absurdität grenzt. So ist de Gaulle nicht gebaut. Wie will er ein Programm der Mitbestimmung glaubhaft ins Werk setzen, wo doch das Bestimmen von oben das charakteristische Merkmal seines Herrschaftsstils ist?

Wenn aber der General nicht gewinnt? Auch dieser Fall ist nicht ganz auszuschließen. Die Furcht vor Kommunismus und Anarchie mag nicht ausreichen, die Mehrheit bei der Stange zu halten; auch hat ja gerade der Außenpolitiker de Gaulle so viele Minderheitsgruppen vor den Kopf gestoßen und der Mehrheit an vorzeigbaren Erfolgen so wenig beschert, daß sein Sieg an den Urnen keineswegs als gesichert gelten kann. Wird er sich beugen, wenn er verliert? Geht er ein zweites Mal nach Colombey-les-deux Eglises in die innere Emigration? Jüngst wurde von ihm das Wort kolportiert, er werde es niemals zulassen, daß eine sozialistisch-kommunistische Koalition die Macht übernehme. Würde er also die Verfassung, die er ein Jahrzehnt lang gebogen und gedehnt hat, nun brechen? Würde er es doch noch auf den Bürgerkrieg ankommen lassen, der seinem Lande eben erspart geblieben ist?