Die alte Dame in Schwarz kam zu spät

Zehn Minuten vor elf landet die Swiss-Air-Maschine aus Düsseldorf auf dem Flugplatz in Zürich. Der 42jährige Bauingenieur aus Dortmund – Name tut nichts zur Sache – ist einer der ersten Passagiere, die das Flugzeug verlassen. Der stämmige braungebrannte Mann mit dem kurzgeschnittenen Haar geht rasch zum Ausgang. Er fliegt um 13.10 Uhr nach Accra weiter. Seine Firma hat den Auftrag erhalten, in Westafrika nach Wasser zu bohren, und er soll den Beginn der Arbeiten überwachen. Aber vorher hat er in Zürich noch privat etwas zu erledigen.

Er nimmt ein Taxi und läßt sich zum Paradeplatz fahren. Am Züricher Paradeplatz liegen die großen Schweizer Banken. Er betritt eine von ihnen, geht zu einem Schalter, zieht ein dickes braunes Kuvert aus der Brusttasche. Es enthält ein Bündel Geldscheine. Er nimmt sie heraus und zahlt sie ein. Es sind zehntausend Dollar. Das Konto, auf das er sie. einzahlt, lautet auf seinen Namen. Es gehört ihm.

Mit der Quittung geht er zur Wertpapierabteilung. Eine Viertelstunde unterhält er sich mit einem älteren Herrn. Dann gibt er den Auftrag, fünfprozentige amerikanische Eurodollaranleihen im Wert von 10 000 Dollar für ihn zu kaufen und ins Depot zu nehmen. Zehn Minuten vor zwölf fährt er mit einem Taxi zum Flugplatz zurück.

Er ist kein Schmuggler und kein Schieber. Er ist Bauingenieur. Er ist bei einer großen deutschen Firma angestellt, bekommt sein Gehalt in Deutscher Mark ausgezahlt und versteuert es bei einem deutschen Finanzamt. Vor einem halben Jahr schickte seine Firma ihn nach Westafrika. Er sollte sich dort um einen Auftrag im Wert von zweieinhalb Millionen Mark bemühen. Vor seinem Abflug nahm ihn der Chef einen Augenblick beiseite:

„Wenn Sie uns den Auftrag bringen, habe ich für Sie 40 000 Mark eingeplant.“

Er brachte den Auftrag. Und die 10 000 Dollar, die er jetzt in der Schweizer Bank eingezahlt hat, sind die versprochenen 40 000 Mark. Sein Chef hat sie ihm in bar in die Hand gedrückt. Bei der Firma wurden sie unter dem Posten „Schmiergelder“ für afrikanische Politiker verbucht. Er hat sie auf seinem Schweizer Konto eingezahlt, denn auf diese Weise braucht er das Geld nicht zu versteuern. Auch die Zinsen, die es dort bringt, sind steuerfrei.