Von Wolfram Siebeck

Im Januar 1960 erregte eine literarische Arbeit unsere Aufmerksamkeit, die mit „Gerhard Schröder“ signiert, den nicht alltäglichen und scheinbar widersinnigen Titel „Notstandsgesetze“ trug.

Der Antagonismus von „stehen“ und „sitzen“ (stand – gesetz) im Titel deutet bereits an, worum es geht: um eine Auseinandersetzung mit dem Wort, dessen Zweideutigkeit als Absage an vermeintlich gesicherte Begriffe zu werten ist. Eine analytische Prosa also, die die Sprache auf ihre verborgene Bedeutung abklopft (und der es fast beiläufig gelingt, beim Leser den Eindruck zu erwecken, als habe er dies alles schon einmal gelesen).

Sieht man zum Beispiel in das Gesetze eine niederdeutsche Form für Gesäß, so ist es gleichermaßen legitim, die Vorsilbe „Not“ als englisch not zu identifizieren. „Nicht stehen, sondern sitzen“, könnte also eine Übersetzung in „normale“ Sprache heißen. Und sitzen bedeutet bekanntlich auch einsitzen. Was bei der Handlung dieser Prosa (wenn da von Handlung im herkömmlichen Sinne auch nicht die Rede sein kann) mehr als naheliegend ist.

Heute nun liegt dieser Text in einer überarbeiteten Fassung vor. Der Titel ist geblieben, doch hat der Name des Autors gewisse Metamorphosen durchgemacht. „Ernst Benda“ liest er sich jetzt, und es wäre nur konsequent, wenn er mit jeder Auflage geändert würde. Wovon nun erzählt diese Prosa? Erzählen – sagt Blöcker – ist meist etwas Irreales, ein Gewebe aus Wörtern und Fiktionen, das sich bei genügend Talent dennoch als tragfähig für die Absichten des Autors erweisen kann.

Talent ist unserem Autor nicht abzusprechen; und hat man sich in den irrealen Text erst einmal eingelesen, fügen sich die Wörter und Fiktionen bald zu jenem Gewebe, das leitmotivisch die Kapitel durchzieht: zum Spannungsfall.

Dieser Fall, hinter dem unschwer autobiographische Züge des Autors zu erkennen sind, verweist wiederum auf den Titel „Notstandsgesetze“. Stehen und Sitzen, jetzt fallen, – die Verben sind es, die hier Aktionen und Reflektionen auslösen. Aus ihnen wie aus mächtigen Wurzeln treibt diese Prosa ihre schönsten Blüten.